Gelungener Einstand: Paul-Georg Dittrich inszeniert „Wozzeck“ in Bremen

Prototyp eines Amokläufers

Sauberkeit, Gehorsam, Redlichkeit und Ordnung: Gefangen zwischen den Apellen gerät Wozzecks (Claudio Otelli) Leben zum Albtraum.
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Sauberkeit, Gehorsam, Redlichkeit und Ordnung: Gefangen zwischen den Apellen gerät Wozzecks (Claudio Otelli) Leben zum Albtraum.

Bremen - Von Rolf Stein. Alles dreht sich – und es ist alles etwas undurchsichtig, weil sich hier etwas spiegelt, da etwas im Hintergrund verschwindet, hier etwas Angefangenes inmitten seines Verlaufs zu sehen ist. Bildschirme, vor denen Kinder sitzen, zeigen Bilder von Autos, von Panzern, von Gewalt, unterbrochen oder überlagert von Appellen an Tugenden wie Sauberkeit, Gehorsam, Redlichkeit und Ordnung. Kurz gesagt: ein Albtraum.

Und in diesem hat sich nun Wozzeck zu bewähren, der gleich zwei Jobs hat, die dennoch nicht zum Leben reichen. Marie, seine Geliebte, mit der er ein uneheliches Kind hat, will ja auch etwas vom Leben haben. Zum Verrücktwerden.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass eine Mehrzahl der Morde einen familiären Hintergrund haben. Wie es im Einzelnen dazu kommt, darüber rätseln Kommissare. Georg Büchner nahm sich einen Fall vor, der historisch ist. Nicht zuletzt, weil er der erste Mordfall war, bei dem ein psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit angefordert wurde. Sein „Woyzeck“ oder „Wozzeck“ wurde durch Büchners Fragment gebliebene Dramatisierung legendär. Werner Herzog verfilmte den Stoff mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, Robert Wilson machte ein Musical daraus. Manfred Gurlitt schrieb eine Oper, übrigens vor 90 Jahren in Bremen uraufgeführt und demnächst in Bremerhaven zu sehen, und natürlich Alban Berg. Ein Klassiker der Opernliteratur des 20. Jahrhunderts. Und, so viel sei vorweggenommen, von den drei Bearbeitungen des Stoffes, die das Theater Bremen in den vergangenen Jahren gezeigt hat, die gelungenste Fassung. Verrätselte Robert Schuster einst im Schauspiel den Woyzeck, war Klaus Schumachers Wilson-Fassung eher eine solide Arbeit, aber nicht viel mehr. Jetzt hat sich Paul-Georg Dittrich Bergs Oper angenommen.

Auf der Drehbühne haben die Ausstatterinnen Pia Dederichs und Lena Schmid einen mehrstöckigen Gerüstbau installiert, an dessen Außenseite durchsichtige Vorhänge als Projektionsflächen für Videos (Jana Findklee) dienen. Eine Fülle von Figuren bevölkert die Szene, Kinder in Uniform, Schaukelpferdchen und Aufziehmännchen. Mittendrin Claudio Otelli als Wozzeck (der sich in der Rolle mit Patrick Zielke abwechselt), der seiner Marie (Nadine Lehner) und dem gemeinsamen Sohn (Max Geburek) kaum begegnet, die sich für die Härten ihres Lebens mit einem Tambourmajor (Christian-Andreas Engelhartdt) entschädigt – wobei die Schäferstündchen der beiden zumindest für sie keine reine Freude zu sein scheinen. Wer Wozzeck begegnet, das sind seine Peiniger, der Hauptmann (Martin Nyvall), sein Dienstherr, und der Doktor (Christoph Heinrich), die ihn erniedrigen und ihm Moralpredigten halten. Nicht notwendig, aber alles andere als überraschend wird dieser Wozzeck zusehends irre an diesen Verhältnissen und ist damit nicht nur Prototyp eines Außenseiters, wie Dittrich im Gespräch mit unserer Zeitung formulierte, sondern auch ein Prototyp des Amokläufers. Zurück bleibt der Sohn, der am Ende, von seinen Altersgenossen gehänselt und getreten, bestimmt scheint, in seines Vaters Fußstapfen zu treten.

Eine trotz motivischer Überfrachtung durchaus schlüssige Inszenierung. Die nicht zuletzt des vorzüglichen Gesangsensembles wegen funktioniert, allen voran Otelli als explosiver Wozzeck und der stimmlich wie darstellerisch quecksilbrigen Nadine Lehner als Marie, was die Verdienste von Andreas-Christian Engelhardt, Christoph Heinrich und Gast Martin Nyvall als unheilige Dreifaltigkeit sowie Hyojong Kim als Wozzecks Freund Andres nicht unterschlagen soll. Und natürlich wäre alles nichts ohne Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker, die Bergs Musik, die so vollendet die Verwerfungen inner- und außerhalb der Figuren nachvollzieht und gestaltet. Zupackend, bis ins letzte ausdifferenziert, mit delikater Zartheit und erschütternden Crescendi. Schon dafür lohnt sich der Besuch.

Weitere Vorstellungen: 20. und 25. Februar, jeweils um 19.30 Uhr sowie am 28. Februar um 15.30 Uhr, Großes Haus, Theater Bremen.

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