„Gebumst wird immer“: Clemens Meyer erhält heute den Bremer Literaturpreis

Geld ist die Droge

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Würden Sie diesem Herrn in die Nacht folgen? Lohnend wäre es: Für seinen finsteren Roman „Im Stein“ wird Clemens Meyer heute mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Was waren das noch für Zeiten: Sechzig Jahre ist es her, da störte sich der Bremer Senat derart an der Juryentscheidung zum Bremer Literaturpreis, dass man die ganze Veranstaltung kurzerhand abblies.

Kreiszeitung Syke

Weil der gewürdigte Roman „Die Blechtrommel“ eines aufstrebenden Autors namens Günter Grass zu unanständig war. Weil darin in einem weiblichen Bauchnabel Brausepulver schäumt, und weil ein kleinwüchsiger Sonderling ebendieses Pulver genüsslich aufschlabbert – und mit dem Schlabbern ein bisschen weiter unten fortfährt. Heute hat der Senat bei der Preisvergabe nichts mehr zu melden, und in Anbetracht des diesjährigen Juryurteils ist das auch ganz gut so. „Im Stein“ heißt das gewürdigte Opus des Leipziger Autors Clemens Meyer. Ein brausegefüllter Bauchnabel wäre darin noch die geringste Anstößigkeit. In einer wilden Collage aus teils plastischen Szenen und teils diffusen Bewusstseinsströmen klärt der Erzähler sein Publikum auch über die erlesenste Variante sexueller Bedürfnisse und Handlungen auf. Er tut das, indem er es dorthin führt, wo man die höchste Fachkompetenz erwarten darf: im Rotlichtmilieu.

So folgen wir Luden beim Einfädeln dubioser Geschäfte, begleiten Prostituierte bei der Arbeit und Freier bei der Befriedigung ihrer geheimsten Sehnsüchte. Wir lernen, in Annoncen gängige Buchstabencodes wie EL, FO, GB oder FS zu entschlüsseln und sind live dabei, wenn die dahinter verborgene Handlungsanweisung in die Praxis umgesetzt wird. Nach hundert Seiten sind wir drauf und dran, das Buch wutentbrannt gegen die Wand zu schleudern. Weil sich trotz dieser überbordenden Sexualität zu keiner Zeit Erotik einstellen will. Weil wir zwar tief eindringen ins Denken und Fühlen von Prostituierten, Luden, Freiern. Weil wir darin aber bloß zerstörte Seelen finden: zerstört nicht etwa durch das Gewerbe selbst, sondern von einer zutiefst durchökonomisierten Lebensplanung.

Arnold Kraushaar zum Beispiel, legendäre Schlüsselfigur in der Puffszene dieser niemals explizit be nannten Großstadt im deutschen Osten. Hochgearbeitet aus kleinen Verhältnissen, Abitur am Abendgymnasium und danach BWL-Studium an der Uni. Er will sich um seine Frau kümmern und um seinen Sohn. Aber erst später, wenn das große Geld gemacht ist. Geld nämlich „ist die Droge“, sagt Kraushaar und bezieht das eigentlich auf seine Prostituierten. Denn so läuft das System: Mit Frauen, die sich heute verkaufen, um morgen das Leben im Einfamilienhaus mit Garten zu führen. Angestellt von Bordellbetreibern, die aus diesem Geschäft – „gebumst wird immer“ – heute heraussaugen, was nur herauszusaugen ist: für ein späteres Leben im romantischen Wasserschloss.

Je tiefer man eindringt in dieses von Ökonomie und Sehnsuchtsverdrängung bestimmte Bewusstsein, desto klarer gibt sich diese Nachtseite der deutschen Bürgergesellschaft als Brennglas der Tagseite zu erkennen. Von wegen, die Nacht hülle alles in Dunkelheit! Unsere pervertierte Geisteshaltung strahlt in ihr heller als an jedem Sommertag.

Ausgerechnet jenes Gewerbe, das trotz aller Sexualisierungstendenzen in Medien und Werbung immer noch als Moloch des Bösen gilt, offenbart unseren mentalen Zustand in radikaler Ehrlichkeit.

Geradezu erschütternd wirkt es, wenn in diese Eisdecke der urbanen Geschäftigkeit unvermutet die Ahnung einer anderen Form körperlicher Nähe einbricht. Eine Ahnung, die aus einer anderen Zeit herüberweht, aus einer anderen Gesellschaftsform und aus einem Familienverständnis, das mehr bedeutet als Schicksalsgemeinschaften auf Zeit. Dann begegnet Bordellbetreiber Hans plötzlich nach Jahren seinem todkranken Vater wieder. Dann versöhnt er sich mit seiner Schwester und verliebt sich beim Blumenkauf in eine Frau. Es ist von Blicken in Augen die Rede statt auf Brüste – erstmals nach mehr als dreihundert Seiten. Und von einem Leben vor diesem ganzen Wahnsinn, als man das Heute noch lebte, statt es in der Hoffnung auf ein idyllisches Morgen einem Markt zu opfern. Meyer verknüpft diese Gegensätze von Vergangenheit und Gegenwart, von Land und Stadt sehr geschickt, lässt die mentalen Auswirkungen der Wende von Plan- zu Marktwirtschaft durchscheinen, ohne dass sein Buch deshalb den Anschein plumper Marktkritik erweckt.

Man möchte dieses Buch nach hundert Seiten an die Wand werfen. Man möchte es aber nach zweihundert Seiten nicht mehr hergeben. Denn so fordernd, ja geradezu strapaziös die Lektüre auch ist: An der Seite von Meyers Nachtgestalten beginnen wir manche Rätsel unseres Taglebens erst zu verstehen.

Clemens Meyer: „Im Stein“, S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2013, 560 Seiten, 22,99 Euro. Der Literaturpreis der Stadt Bremen wird heute um 12 Uhr in der Oberen Rathaushalle verliehen.

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