„Rein in die Fluten!“ zeigt, was Comics können

Geistige Leere auf knirschendem Sand

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Stundenlang im Stau zu stehen, um danach mit den anderen Verschwitzten um das letzte Fleckchen Sand am Strand zu rangeln – es ist kein Wunder, dass die Figuren im Comic „Rein in die Fluten!“ nicht allein Ausgeglichenheit an den Tag legen. Dabei geht es den fanzösischen Künstlern David Prudhomme und Pascal Rabaté doch gerade um Entspannung und die Folgen: um eine Gesellschaft, die in Gluthitze und ohne sinnvolle Beschäftigung erst so richtig zu sich kommt.

Durch die träge Menschenmasse manovriert die Erzählung erstaunlich rasant. Sie springt von einem Erzähler zum nächsten: eben noch im Auto, wo sich der Fahrer und Familienfahrer über den zu langsam Tankenden in der Schlange vor ihm beklagt – dann direkt weiter zu eben diesem und seinem „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ singenden Nachwuchs. Und am nächsten Zwangsstopp der Schranke dann, da springt die Handlung in den vorbeifahrenden Zug und nimmt wortwörtlich Fahrt in Richtung Strand auf.

Für manche Figuren bleibt es beim Kurzauftritt, andere tauchen nach ein paar Seiten wieder auf. So wie man einander im Urlaub eben entweder ständig oder doch nie wieder trifft. Hauptfiguren gibt es keine, in der auch grafisch stark subjektiven Erzählung kommen sie alle gleichermaßen zu ihrem Recht: Nudisten und Schwule so wie die verklemmten Bürger mit gerümpfter Nase, giftige Rassisten wie Zugewanderte.

Eine Mischung jedenfalls, die durchaus explosiv werden könnte, wäre am Strand nicht letzten Ende doch alles egal. Oder doch immerhin zu anstrengend, um es ernsthaft knallen zu lassen. Nebeneinander her entfaltet sich hier eine Vielfalt kleiner Episoden, die, mal lustig, mal ein bisschen tragisch und mal einfach nur hübsch harmlos, aneinander vorbeitreiben. Zusammengehalten wird die Geschichte vom Schausplatz und von der Zeit: „Rein in die Fluten!“ erzählt einen einzigen Tag, von der quälenden Anreise am Morgen bis zum eiligen Aufbruch am Abend.

Aus dem Geflecht formt sich so ein Gesamtbild, das doch weit aufregender ist als die Summe seiner Teile. Eine Gesellschaftsstudie eben nicht im Ausnahmezustand, sondern – was heutzutage eine angenehme Abwechslung ist – in der Schwebe ohne die Taktung von Lohnarbeit und Nachrichten. Fast greifbar ist diese geistig leere Welt aus knirschendem Sand und den klebrigen Rücken dieser ganz gewöhnlichen Menschen.

Ganz unaufgeregt zeigen Prudhomme und Rabaté fast nebenher, wozu Comic imstande ist. Wenn einen die bunten, wie von der Sonne ausgeblichenen Farben die Hitze fast auf der Haut spüren lassen – intensiviert ausgerechnet durch das Schwarz, in dem hier Schatten geworfen werden. Oder wenn sie mit den Perspektiven spielen: vom seitlich auf dem Handtuch liegenden Sonnenanbeter zum gespiegelten Schaufensterblick an der Uferpromenade – und endlich in diese Gegenwelt unter der Wasseroberfläche, wo es kaum Köpfe gibt, dafür umso mehr paddelnde Gliedmaße.

In Frankreich war „Rein in die Fluten!“ ein großer Erfolg, die Künstler sind dort bekannt für einen Qualitäts-Mainstream, den es hierzulande nicht gibt. So hat Reprodukt mit dem Band eine echte Ausnahmeerscheinung vorgelegt, pünktlich zur Urlaubszeit. Und das ist vielleicht das bemerkenswerteste an diesem Tag am Meer: Je nachdem wer sie liest, schürt die Geschichte entweder Sehnsucht nach Urlaub – oder aber aufrichtige Erleichterung darüber, sich das Theater in diesem Jahr verkniffen zu haben.

David Prudhomme, Pascal Rabaté: „Rein in die Fluten!“, Reprodukt, 120 Seiten, Hardcover, 24 Euro

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