„Einer geht noch“ bringt die rätselhafte Krankheit Polyneuropathie auf die Bühne

„Es geht ja nicht um Therapie“

Pollkläsener kann auch ganz anders.

Bremen - Der unvergessene Harry Rowohlt hat einmal in einem Interview gesagt, Polyneuropathie (PNP) sei „eine Krankheit, die ich nur empfehlen kann. Erstens merkt man nicht mehr, wenn man kalte Füße hat, und zweitens kann man wunderbar Benefizveranstaltungen abblocken“. Das mit den kalten Füßen liegt daran, dass die Polyneuropathie vor allem die Nerven in den Extremitäten schädigt. Das mit den Benefizveranstaltungen hat damit zu tun, dass die Betroffenen keine Lobby haben. Es seien aber viele Kreative darunter, sagte Rowohlt im gleichen Interview.

Einer jener Kreativen heißt Mateng Pollkläsener. Schauspieler, Jahrgang 1960, Gründungsmitglied des neodadaistischen Theatre du pain, einige Jahre Ensemblemitglied am Theater Bremen und im Nordwesten von Bühne und Bildschirm kaum wegzudenken. Pollkläsener scheint die PNP nicht so sehr im Weg zu stehen. Was da allerdings noch kommen mag – das weiß eben niemand. So vielfältig wie die möglichen Ursachen der Krankheit sind auch ihre Verlaufsformen, und eigentlich scheint nur eines sicher: Die PNP schreitet voran. Pollkläsener hat dabei relatives Glück: Schmerzen hat er nicht, und die Krankheit entwickelt sich kaum merklich.

Dass er allerdings durchaus eine Krise hatte vor ein paar Jahren, gibt Pollkläsener durchaus zu. Ein Bekannter, der im Rollstuhl sitzt, habe ihn auf die Idee gebracht, aus seiner Situation doch ein Stück zu machen. Derselbe Bekannte brachte auch den Regisseur, Schauspieler und Autor Hans König auf den Gedanken mit Mateng, der PNP und dem Theater.

Natürlich hat jeder sein Köfferchen zu tragen – das von Mateng Pollkläsener ist allerdings ein recht spezielles.

König und Pollkläsener kennen sich seit Jahrzehnten, gründeten zusammen das dadaistische Theatre du pain und sind auch sonst durch zahllose Projekte verbunden. Als König seinem Kollegen vorschlägt, die Idee des gemeinsamen Bekannten umzusetzen, rennt er „eine offene Tür ein“, sagt Pollkläsener. Einfach sei es allerdings nicht. „Man öffnet sich schon ganz schön.“ Theater bedeutet schließlich auch die kunstvolle Behauptung einer anderen Realität für eine bestimmte Zeit, jemand anders sein zu können. Sich nun in „Einer geht noch“ – so heißt das PNP-Theater – einfach hinzustellen und von seiner Krankheit zu berichten, ist also eigentlich untheatralisch.

Königs Idee, die PNP auf die Bühne zu bringen, als eigene, auch eigenwillige Figur, mit der Pollkläsener sich auseinandersetzt, auf der Bühne in aller Härte, zieht da eine höchst effektive Abstraktionsebene ein. Der ebenfalls höchst umtriebige Komponist, Musiker, Dirigent und Psychologe Walter Pohl, unter anderem Chorleiter beim inklusiven Chor Don Bleu übernimmt diese Rolle. Und geht in ihr mit Pollkläsener in den Clinch, physisch, aber auch psychisch.

Sobald sich der Bühnen-Pollkläsener also allzu wohnlich in einer Rolle eingerichtet hat, sagen wir als König Ubu, grätscht die PNP hinein. Nicht unbedingt pur bösartig. Sie muss ja schließlich auch leiden. Unter der Nichtachtung Pollkläseners, mit dem sie doch eine lebenlange Beziehung führt. „Ich geh mit dir überall hin“, mault PNP-Pohl – und dann verschweigt der Schauspieler sie einfach! Dabei, das belegt ein Lied der beiden, geht doch nichts über die Wahrheit, denn: „Glaubensmist, der macht blind“, weil er „Höllen hinschmiert, wo Paradiese sind“.

Ist das alles zugleich auch eine Art Therapie? Hans König weiß, dass es zwar durchaus therapeutische Formen gebe, bei denen die Krankheit „aufgestellt“ wird. „Aber es geht ja nicht um Therapie“, sagt Pohl ganz dezidiert. „Wir sind Künstler und gehen künstlerisch damit um.“ König ergänzt: „Mateng fiktionalisiert sich in dem Moment. Das wird ja auch nur dann spannend, wenn Zuschauer sich einhaken können und sich fragen: Was hat das mit mir zu tun? Es geht ja nicht darum, dass Mateng vor Publikum seine Beschwerden präsentiert. Aber er macht sich zur Projektionsfläche dafür, dass Menschen ihren eigenen Umgang mit Krankheit, Behinderung oder auch diesen Ängsten überdenken können.“

Speziell an der PNP sei, sagt König, dass diese Krankheit oft verschwiegen werde. Dabei liegt die Prävalenz bei den über 55-Jährigen bei rund acht Prozent. Im Alter würde es demnach also fast jeden zehnten erwischen. Ein ungewohnt ernstes Thema für den Theatre-du-pain-König – ist das schon ein Schritt Richtung Alterswerk? „Es gibt immer noch diesen Hang zur Dekonstruktion. Ich glaube, dass der sich wandelt“, sagt König. „Es ist nicht mehr die Kettensäge auf 30 Hühnereiern; der Impetus ist da, aber er geht einen anderen Weg.“ Die Kettensäge bekommt das Publikum übrigens trotzdem zu sehen – als Videodokument aus den wilden 90er-Jahren.

Sehen

Sonntag, 18.30 Uhr, Samstag, 21. September, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen; weitere Vorstellungen: 3. bis 5. Oktober, 20 Uhr sowie 6. Oktober, 18.30 Uhr, Blaumeier-Atelier, Bremen.

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