Das Theater Osnabrück zeigt William Pelliers „Wir waren“

Das geht euch auch was an

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Lebens- und Sterbensbericht: Ein gealtertes Ehepaar (Rosemarie und Klaus Fischer) plant das Ende. ·

Osnabrück - Von Tim Schomacker. Im Grunde genommen müsste man diesem Stück wünschen, dass es nicht hineinragt in eine umfassende Debatte darüber, wie wir uns heute das Sterben denken.

„Wir waren“ des 1961 geborenen Franzosen William Pellier kommt leise, klug und fast ein wenig bescheiden daher.

Alexander May findet ein ebenso klares wie eindringliches Inszenierungsvokabular für diesen Text, der in Osnabrück erstmals in deutscher Sprache gezeigt wird. „Wir waren“ ist der gemeinsame Monolog eines alten Ehepaars. Es beschließt, mit dem jährlichen gemeinsamen Mittelmeerurlaub auch gemeinsam das Leben zu beenden, schafft es nicht und gerät schließlich doch in jene Pflegemaschine, der es („Jetzt sind wir noch bei klarem Verstand“) durch einen gezielten Akt der Selbstbestimmung entkommen wollte.

Klaus und Rosemarie Fischer – auch im wirklichen Leben verheiratet bringen sie es auf knapp 100 Bühnenjahre – verleihen dem alten Mann und der alten Frau nicht nur Gesichter und Gesten, sondern vor allem Stimmen, die zielsicher auf dem schmalen Grat zwischen Abbildungsrealismus und Kunstfigur tänzeln. Den ersten Teil hat May in den engen Gastraum eines Hotels in Theaternähe gesetzt.

Die beiden Figuren erzählen (und zwar selten bis gar nicht im Dialog, sondern abwechselnd gemeinsam) aus ihrem bisherigen Leben. Bis zum Entschluss, dieses gemeinsam zu beenden. Diese Gemeinsamkeit ist anders nicht nachhaltig (lies: bis über den Tod hinaus) herzustellen. Ein romantischer Gedanke. Aber auch ein sozialpolitischer, wie sich im zweiten Abschnitt im verspiegelten Ballettsaal hoch oben im Theatergebäude zeigen wird.

Die Intimität, mit der May uns, das Publikum, den beiden Akteuren auf die Pelle rücken lässt, ist ein simpler wie effektiver Theaterschachzug. Das sagt: Das geht euch auch was an. Weil die beiden Figuren aber Vertreter eine bestimmten Klasse, einer bestimmten Generation, bestimmter Haltungen (und auch in der deutschen Fassung Franzosen) sind, entsteht ein interessantes Vexierbild aus Mitgefühl, Irritation, aber auch Ablehnung. Man lacht über die makabre Überlegung, dass der Pudel natürlich auch mit muss ins Auto, dass die Serpentinenstraßenbegrenzung suizidal durchbrechen soll; man grübelt, inwieweit die Kinderlosigkeit eine Art Verbindungstrauma der beiden ist – und dann packen sie (Orangen pellend und Eis essend) typische Alltagsrassismen aus, wenn es darum geht, wie sich die Gegend verändert hat, in der sie damals das eigene Eigenheim gebaut haben.

Im zweiten Abschnitt spricht (fast) nur noch er. Sie zieht sich ins Schweigen zurück – ob des Schocks, dass der misslungene Suizid (es heißt: „verrückt, wer das tut.“) just das Gegenteil der angestrebten Selbstbestimmung bewirkt hat. Der Tänzer Tomas Bünger ist nun nicht mehr Kellner, sondern abstrakte Anwesenheit. Er kriecht unter beider Bett, dreht es, klettert darauf herum, er schaltet Licht und Musik an und aus, fordert sie stumm zum letzten Tanz. Zunächst irritiert das. Doch so entstehen Bilder, die sich eben nicht symbolisch im „Ach so, klar, das ist der Tod!“ erschöpfen. Er muss anwesend sein, damit die beiden nicht mehr zu zweit sein können. Er wird zur Bande, über die beide mit einander kommunizieren.

In einfacher Sprache – Reflexionen über Leben und Tod allgemein fehlen völlig – gelingt Pellier ein kunstvoller Lebens- und Sterbensbericht. Vom vielleicht besten inszenatorischen Kunstgriff weiß man bis zum Schluss nicht, ob es überhaupt einer ist: Der im Publikum sitzende Souffleur flüstert Klaus Fischer häufig Stichworte zu. Das unterstreicht die strategische Künstlichkeit der Bühnenfigur, ist eine feine Überlegung zum Leitmotiv der Selbstbestimmung (Schauspieler sprechen fremden Text!) – oder doch eine tatsächliche Stütze für einen alt gewordenen Schauspieler?

„Wir waren“ ist noch am 4., 13. Und 20. Dezember sowie am 9., 16. und 25. Januar zu sehen. Karten: http://www.theater-osnabrueck.de

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