Das Bremer Gerhard Marcks Haus zeigt Skulpturen von Alfred Haberpointner

Gehacktes ohne Haken

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Alfred Haberpointner: „Geschlagene Gruppe, 1998-2000“, Installation aus Espenholz. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierZeitgemäß, sagt Alfred Haberpointner, sei seine Arbeit ja eigentlich nicht mehr. Baumstämme zurechthacken, dicke Holzstücke ins Museum schleppen: ein Anachronismus in Zeiten der Leichtmetallflugzeuge und hauchdünnen High-Tech-Geräten. Das Schwere, Sperrige sei „der Haken“ an der Bildhauerei, ein echter Nachteil, der selbstverständlich aber auch den Reiz dieser Kunst ausmache.

Der Titel seiner Ausstellung im Gerhard Marcks Haus erklärt sich also aus dieser Wahrnehmung. „Der Haken der Bildhauerei“ als kritische Bezugnahme auf das Material: Ein bisschen konstruiert wirkt das, zumal sich durchaus auch eine gegenläufige Entwicklung beobachten lässt.

Es ist auch weniger das Spiel mit gesellschaftlichen Trends, das Haberpointners Kunst kennzeichnet als vielmehr die Beziehung zwischen Bild und Raum. Das beginnt mit einer Sammlung von Menschenköpfen aus Holz, die seltsam unentschlossen zwischen Abstraktion und Konkretion gestaltet sind. So etwas wie ein Gesicht darf man nicht erwarten, allenfalls bei Einzelstücken lassen sich mit gutem Willen die Konturen einer Nase erahnen. Stattdessen umgebogene Nägel oder eingeschlagene Löcher, Blech und Zeitungspapier als äußere Umhüllung. Es gehe darum, die Grenzen des Abstrakten und Konkreten auszuloten, sagt der Künstler.

Wo beginnt das Figürliche, was verstehen wir unter einem realen Abbild? Eine neue Fragestellung ist das freilich nicht, und es fällt schwer, in den bewusst fragmentarischen Skulpturen eine neue Perspektive auf den Gattungsdiskurs zu erkennen.

Leichter macht es Haberpointner seinem Publikum mit großflächigen Holztafeln. Braun, weiß und rot sind sie jeweils bemalt, doch es hat von weitem den Anschein, als befinde sich noch eine schwarze Struktur darauf. Tatsächlich handelt es sich bloß um den Schatten zahlreicher kleiner Erhebungen auf der Fläche, erzeugt durch eine ausgiebige Bearbeitung mit der Axt. Ein ganz zartes Gewebe ist das, transparent und leicht wie ein Spinnennetz – und wurde doch mit dem denkbar grobschlächtigsten Werkzeug produziert.

Dieser Gegensatz markiert die eine Bedeutungsebene. Eine andere ergibt sich aus dem Zusammenhang von Flächen- und Raumwirkung. Ist es doch die auf den ersten Blick kaum wahrnehmbare Dreidimensionalität des Werks, in der sich überhaupt erst Licht und Schatten äußern können. Was bedeutet: Das Bild ist eine Skulptur, weil es vom Raum abhängig ist. Aber gilt das nicht auch für die Malerei? Auch diese Frage ist wahrlich nicht neu. Sie wird aber neu formuliert; anhand einer experimentellen Ästhetik, die sinnhaft wird, ohne dass es für sie weiterer Erklärungen bedarf.

Das trifft auch auf eine Gruppe von eigentümlich gerundeten Findlingen zu. Man glaubt zunächst an vom Wasser geformte Sandsteine, an Maserungen, die durch Sedimentation entstanden sind. Und an eine Verteilung im Raum, die nur das Ergebnis eines Flussverlaufs sein kann.

In Wahrheit aber sind es auch hier Holzskulpturen. Was nach Sedimentation aussieht, sind bloß die Baumringe. Und wo die Kraft des Wassers vermutet wird, hat vielmehr eine Axt zugeschlagen – wieder einmal.

Erneut zeigt sich also die Bild-Raum-Wirkung, diesmal nur erweitert um die konkrete Interpretationsleistung des Betrachters: Denn von einem Fluss kann hier natürlich keine Rede sein. Dass bei einer leichten Veränderung der Betrachterposition bei dem einen oder anderen Objekt der Ansatz einer Nase zum Vorschein kommt, dass bei näherem Hinsehen sogar Menschenköpfe erahnbar werden, ist da nur eine zusätzliche Facette dieses Spiels mit der Perspektive.

Bei Alfred Haberpointner kommen die klassischen Themen der Bildhauerkunst zur Geltung: Bild und Raum, Schwere und Leichtigkeit, Arbeitsprozess und statisches Ergebnis. Es sind nicht die ganz großen Antworten, die hier gegeben werden. Interessante Denkansätze, kleine ästhetische Entdeckungen aber sind hier und da möglich. Auch ohne Haken.

Von 20. November bis 26. Februar im Gerhard Marcks Haus, Bremen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Eintritt: 5 Euro.

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