Michael Rettig bringt „Rückkehr nach Reims“ auf die Bühne

Gegen die Kultureliten

Schauspieler Ralf Knapp bringt „Rückkehr nach Reims“ in einen Dialog mit der Musik. Foto: Clovis Michon

Bremen - Von Rolf Stein. „Ihr denkt an das Ende der Welt, wir denken ans Ende des Monats, ihr bestellt den Biowein, den wir in den fünften Stock schleppen“ – diese und weitere Sätze schleudert eine körperlose, aber zornige Stimme dem Premierenpublikum von „Rückkehr nach Reims“ in der Bremer Schwankhalle entgegen, die vehement einen Perspektivwechsel einfordert: Weg von Identitätsfragen, hin zu dem, was die Linke früher einmal Klassenfrage genannt hat. Es lenkt den Blick auf jene Menschen, die die Drecksarbeit erledigen und daran kaputtgehen. Auf das Prekariat der Logistik- und Lieferdienste ebenso wie auf jene, die sich im Baugewerbe oder unter Tage verschleißen lassen.

Wer Didier Eribons viel diskutiertes Buch „Rückkehr nach Reims“ gelesen hat, mag aufhorchen: Das ist nicht Eribon. Aber es ist in Michael Rettigs Bühnenfassung des Buchs ein Einschub, der verdeutlicht, wovon Eribon vor zehn Jahren schrieb, als er über die Wiederbegegnung mit dem Milieu seiner Eltern nachdachte. Der äußere Anlass für den französischen Soziologen und Philosophen war zum einen der Tod des eigenen Vaters, zum anderen der Erfolg des stramm rechten Front National bei Arbeitern, die sich einst stets als links verstanden hatten.

Den historischen Bruch setzt Eribon um das Jahr 1968 herum, als auch in Frankreich die Studenten auf die Barrikaden gingen – wobei es kurzfristig zu Allianzen mit Arbeitern und Bauern kam. Eribon allerdings diagnostiziert hier bereits jene Neuorientierung der linken Parteien weg von den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft hin zur Eigenverantwortung des Individuums bei gleichzeitigem Abbau des Wohlfahrtsstaats.

Eribon findet diesen Widerspruch sogar in sich selbst: Dass er aufs Gymnasium und auf die Universität gehen kann, um Marx und Balzac zu lesen, verdankt er der Fabrikarbeit seiner Eltern, die er zugleich verachtet, weil sie keinen Sinn für jene Dinge haben, was der junge Eribon gerade für sich entdeckt hat. Als Homosexueller ist er außerdem den Anfeindungen eines Milieus ausgesetzt, dessen Ressentiments auch sein eigener Vater teilt.

Michael Rettig konzentriert sich in seiner Inszenierung vor allem auf die politische und biografische Seite von Eribons Buch, das zwischen Autobiografie und wissenschaftlichem Text siedelt. Der Schauspieler Ralf Knapp bringt diesen Text in Dialog mit einer Musik, die von Rettig selbst am Klavier, dem Elektronikmusiker Riccardo Castagnola und den Streichern Clovis Michon (Cello) und Jin Kim (Violine) gespielt wird. Als Kommentar doppelt sie oft eher die Stimmungen der Erzählung, was durchaus mit Witz geschieht, wenn Michon eine Cello-Suite von Bach genüsslich verhunzt, während Knapp Eribons Polemik gegen die Kultureliten vorträgt. Ein Abend, der einen nicht nur angesichts der aktuellen Erfolge von AfD und Co. ins Grübeln bringen kann.

Sehen

Samstag und Sonntag, 19 Uhr, Schwankhalle, Bremen.

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