„YouYou“: Claudia Kapp lässt im Oldenburger Ruß-Haus die Sonne aufgehen

Gegen die Hecke

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Traum von der Starbesetzung: Still aus Claudia Kapps Video „Winslet-Ryder-Watts“. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · US-Amerikaner haben es in ihrer Unabhängigkeitserklärung schriftlich: „Pursuit of Happiness“, das Streben nach Glück, besitzt Verfassungsrang.

Der Held in Claudia Kapps Video „Winslet-Ryder-Watts“ verkörpert diese Perspektive idealtypisch. Während hinter ihm die Sonne langsam ins Meer taucht, erzählt er von einer Filmvision. Ein Skript habe er geschrieben über einen Mann, der mit Kate Winslet, Winona Ryder und Naomi Watts dreht. Klar, dass man davon träumen kann, den drei Kinoschönheiten zu begegnen. Nicht schwer zu erraten, dass der Drehbuchautor hier von eigenen Obsessionen spricht. So hartnäckig er sein Projekt offenkundig auch verfolgen will, so unwahrscheinlich ist die Realisierbarkeit. Aber die Verfassung verspricht ja nicht das Glück, sondern sichert das Streben danach.

Die in Berlin lebende, an der HfK Bremen ausgebildete Claudia Kapp war für ein Jahr in den Vereinigten Staaten, als Preisträgerin des New-York-Stipendiums 2010 der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. „Pursuit of Happiness“ wurde zu einem Leitmotiv für ihre Recherchen und ihre Arbeiten. Mit dem Stipendium verbunden sind zwei Ausstellungen in Niedersachsen. Die erste fand in Braunschweig statt, derzeit sind Amerika-Erträge und ältere Arbeiten Kapps im Oldenburger Edith-Ruß-Haus zu sehen. „YouYou“ heißt die großartige Schau, abgeleitet von der Leuchtschrift an einer Hausfront, die Kapp an New York fotografiert hat: Als dürfe sich jeder persönlich angesprochen fühlen, als verspreche das Haus Wunscherfüllung. Oder geht es hier um Ertapptwerden oder darum, dass alles von individueller Vision und Willenskraft abhängt?

Diese Botschaft ließe sich auch aus dem Video „Explaining Annemiek“ ablesen. Eine junge Frau gibt Wegbeschreibungen, häufig fällt das Wort „straight“. Es geht wohl nicht um einen konkreten Zielort, sondern um ein Lebenskonzept. Vom Weg als Ziel und von der Hürde als Herausforderung handelt das Video „You Loose“. Zwei Frauen rennen gegen eine Hecke an, hinter der sich ein helles Quadrat, eine abstrakte Zielfläche, befindet. Das Scheitern an der Höhe des Hindernisses hält die Frauen nicht von ihren Versuchen ab. Die sportiven Anläufe haben Slapstick-Charakter, Vergeblichkeit trägt tragische und komische Züge, adelt aber die Akteure.

In Braunschweig war das „YouYou“-Schild im Dämmerlicht Impuls für eine Präsentation im Zeichen des Sonnenuntergangs. In Oldenburg geht die Sonne auf. In der Video-Installation „Rising Set“ sind fünf Sonnenaufgänge nebeneinander zu sehen, eine stimmungsvolle Sequenz mit wellenförmigen Bewegungen, die ortlos im Zwielicht bleibt. Parallel zu hören ist eine Geschichte aus der ägyptischen Mythologie: Der Sonnengott Re stirbt am Abend, steigt in die Unterwelt, in der er sich mit Osiris vereinigt. Mit frischer Kraft tritt er am Morgen erneut seine Reise an.

Auch wenn man die Nachtfahrt nicht unbedingt mit C.G. Jung als Weg der Selbsterkenntnis und Konfrontation mit dem Unbewussten verstehen muss, als optimistisches Bild für einen positiven Neuanfang funktioniert das medial verdichtete Himmelsereignis allemal. Dazu wird der Betrachter aus dem Untergeschoss mit populären „Morgen“-Songs beschallt. Seine skulpturale Entsprechung hat der Soundtrack in der Licht-Installation „Celebration“: Leuchtfeuer bilden einen Kegel. Zelt oder Lagerfeuer? Im Bodennebel trägt das Ganze schon reichlich mystische Züge.

Körperlicher geht es in dem Video „Unbounded“ zu. 50 Videos von Po schwingenden Frauen, punktgenau zum pochenden Beat, tauchen hier in wechselnden Konstellationen auf. „Jiggling“ nennt man das wohl, eine Hip-Hop-Tanzform, die um die möglichst locker aufgehängte Körpermitte in der Hinteransicht kreist.

Am Ende des Parcours stehen eine Dia-Show mit USA-Impressionen und ein Video, das dem „Streben nach Glück“ noch einmal eine neue Wende gibt. „Dann kamst du mir die Seele nehmen“ lautet der Titel, eine Zeile aus dem Rilke-Gedicht „Die Liebenden“. Die Suche nach Liebesglück lässt sich wohl als größte Triebfeder und größten Unruheimpuls begreifen. Man sieht in dem Film einen Hund, der hinter einer Hecke aufgeregt hin und her läuft. Hospitalisiert, freudig? Dazu klingt feierlich die bekannte Händel-Sarabande, die Stanley Kubrik als Titelmusik für seinen Film über den rastlosen „Barry Lyndon“ diente. In Claudia Kapps Video gibt es für das Verhalten des Hundes eine einfache Erklärung. Die Pointe wird aber nicht verraten, die Projektionen des Betrachters sollen erhalten bleiben. „YouYou“ ist ein überzeugendes Beispiel für die Sogkraft der Bilder, für die Führungskraft und Verführungsmacht von Visionen.

Claudia Kapp: YouYou.

Edith-Ruß-Haus Oldenburg.

Bis 29. Januar 2012

Eintritt: 2,50 Euro, Katalog.

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