Syker Vorwerk zeigt Arbeiten von Rita Bieler

Gefangen im Linien-Wirrwarr

„Base of lines“, eine Arbeit aus dem Jahr 2014. Foto: TOBIAS HÜBEL

Syke - Von Mareike Bannasch. Frauen, die mannshohe Skulpturen schaffen, die sich mit Linien und Fläche beschäftigen, hatten im öffentlichen Diskurs lange keinen Platz. Ganz zu schweigen von ihrer Nicht-Existenz in der kunsthistorischen Betrachtung. Eine Ungerechtigkeit, die sich in diesen Tagen merklich umkehrt. Nicht nur das Gerhard-Marcks-Haus und die Museen Böttcherstraße widmen sich nämlich Bildhauerinnen, sondern auch das Syker Vorwerk. Dort wird morgen eine Ausstellung eröffnet, die sich mit dem Schaffen von Rita Bieler auseinandersetzt.

„Rasterfahndung“ heißt die Schau und bezieht sich dabei nicht, wie der Titel es vielleicht nahelegen möge, auf polizeiliche Maßnahmen. Nein, es geht vielmehr um die Fahndung nach Rastern, die mal vorder- und mal hintergründig die Säule von Bielers Arbeiten bilden. Eine Suche, für die der Betrachter durchaus etwas Zeit einplanen sollte – was sich aber zweifelsohne lohnt.

Bieler ist keine Unbekannte im Vorwerk, wenngleich es dort ihre erste Einzelausstellung ist – drei von ihr gefertigte Skulpturen fanden lange vor der Nutzung als Ausstellungsort ihren Weg in den hauseigenen Park. Und beim Vergleich zwischen den Arbeiten draußen und drinnen wird vor allem eines deutlich: Wie sehr sich der ästhetische Ausdruck der Künstlerin im Laufe der Jahre geändert hat. Waren es zu Beginn noch geschlossene, klare Formen und Linien, bestechen aktuellere Werke vermehrt durch Durchlässigkeit, Leerräume und Rundungen – ohne jedoch das Raster zu vernachlässigen.

Da die Arbeit mit Ton bekanntermaßen sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, hat Bieler im Laufe der Jahre damit begonnen, zusätzlich Skultupturen aus Papier und Draht zu schaffen. Sogenannte „Wandläufer“, die seit 2005 mit dem Verständnis von Figürlichkeit spielen, und manches Mal auf Irrwege führen. Denn obwohl der Betrachter direkt eine Verbindung zu Meerjungfrauen oder Echsen herstellt, geben die Skulpturen diese Assoziationen oftmals gar nicht her, sie beinhalten lediglich kleine Verweise. Im Vorwerk wirken aber nicht nur die „Wandläufer“ an sich, auch ihr Schattenwurf spielt eine Rolle. Immerhin entstehen je nach Lichteinfall unter den Läufern völlig neue Gebilde – und damit auch weitere Deutungsmöglichkeiten.

Unzählige Interpretationsvariationen bieten aber nicht nur die skulpturalen Arbeiten, auch Bielers Ölgemälde laden zur stundenlangen Rasterfahndung ein. Ausgehend von ihrem Interesse für die Funktionsweise des Gehirns und der Struktur von Stadtplänen hat die Künstlerin auf großen Leinwänden etliche Farbschichten übereinander aufgetragen. Hat Linien hervorgehoben, durcheinander gezogen – und dann doch wieder übermalt. So zum Beispiel in „On blue ground“, wo eine blaue viereckige Fläche den zentralen Raum des Bildes einnimmt, und zwar als Untergrund für ein Netz aus feinen, bunten Linien. Ein hervorstechendes Wirrwarr, das stark an jenen Teil eines Stadtplans erinnert, der das Zentrum genauer beschreibt. Und auch wenn die Striche nicht zu touristischen Geheimtipps führen, faszinieren sie dennoch – weil sie ständig ihre Bedeutung verändern.

Angucken

Rita Bieler: „Rasterfahndung“, noch bis zum 4. August im Syker Vorwerk.

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