Kernige Melancholie und bitterernster Fatalismus: Lizz Wright und Gregory Porter retten in der Bremer Glocke den Jazz

Geerdet unter funkelnden Sternen

„Echter Ausdruck“: Gregory Porter überzeugte in der Bremer Glocke. ·
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„Echter Ausdruck“: Gregory Porter überzeugte in der Bremer Glocke. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierGregory Porter in der Bremer Glocke, das ist nichts weniger als ein Versprechen auf die Rückkehr goldener Zeiten.

Jener Zeiten nämlich, als die Ikonen des Jazz auch tatsächlich für ebendiesen standen und nicht für seine marktkonforme Parodie im Gewand des Pop. Seit gerade einmal drei Jahren ist der Sänger unterwegs und gilt schon als symbiotische Reinkarnation von Barry White und Isaac Hayes. Das allein wäre nicht weiter ungewöhnlich, handelte es sich bloß um die üblichen Zuschreibungen einer kleinen Anhängerschar. Doch im Fall Porter scheint sich das sonst so streitlustige Jazz-Publikum ausnahmsweise einmal einig zu sein: Der Spätzünder aus Kalifornien – Debüt mit 39 Jahren – wird als Erlöser des darbenden Jazz gefeiert. Und tatsächlich sollte das Konzert am Sonntagabend durchaus Eindruck hinterlassen. Doch an Porter lag das nur zum Teil. Oder besser gesagt: zum zweiten Teil.

Für den ersten nämlich hatte man Lizz Wright engagiert, jene gospelgeschulte Predigertochter aus Georgia, die (trotz ihres deutlich jüngeren Alters) den Hype um ihren Durchbruch schon längst hinter sich hat. Angesichts der Porter-Euphorie erscheint ihr Auftritt fast auf Vorprogramm-Charakter reduziert. Was für ein Irrtum.

Wright zelebriert Blues auf sakralem Fundament, befreit ihn mithin von allen Klischees seiner langen Rezeptionsgeschichte, verleiht ihm dafür auf eindrucksvolle Weise Gewicht und Tiefe. Mit ihrem bemerkenswert kraftvollen, dunklen Timbre entfaltet sie eine kernige Melancholie ohne jeden Kitschverdacht – und das, obgleich sie sich immer wieder umstandslos in gefällige Harmonien des Pop treiben lässt. Doch selbst in schlichten Repetitionen wie dem an einen Kinderreigen erinnernden Song „My Heart“ zeigt sich hinter der vordergründigen Leichtigkeit ein bitterernster Fatalismus.

Allenfalls was die dynamischen Abstufungen betrifft, könnte man sich mitunter ein umfangreicheres Ausdrucksspektrum vorstellen. Das Hauchzarte liegt Wright ebenso wenig wie der euphorische Ausbruch. Versucht sie es dennoch, verliert sich die eben noch so authentisch bewegende Kontemplation in Beliebigkeit.

Das steht bei Gregory Porter wahrlich nicht zu befürchten. So sanfttönend der Bluesbariton auch daherkommt, so offenbart er doch eine dezidiert zuversichtliche Grundhaltung. In der zarten Ballade „Wolfcry“ lässt er mit satter Tongebung die Sterne funkeln, im groovigen „Liquid Spirit“ entscheidet er sich für einen energisch fordernden Duktus mit metallischer Klangfarbe. Dieser Optimismus spiegelt sich in einer Musik, die weitaus mehr auf Virtuosität ausgerichtet ist als noch im ersten Teil dieses Abends. Da brilliert das Saxophon (Yosuke Satoh) mit schwindelerregenden Improvisationen, und der Bass (Aaron James) schwingt sich zum Hauptakteur auf. Großartig vor allem Pianist Chip Crawford, der mit geschmeidiger Phrasierung ein stellenweise geradezu kammermusikalisches Verständnis von Ensemblespiel entwickelt. Überhaupt präsentiert sich Porters Band weitaus homogener als die Kollegen von Wright.

Manchmal, so hatte in einer Vorankündigung seines Auftritts gestanden, schaue bei ihm „Frank Sinatra um die Ecke“. In der Tat: Es ist jenes Gespür für den Showeffekt, der stets mitschwingende Entertainment-Stil, der bei Porter niemals jene Kontemplation entstehen lässt, die bei Wright so eindrucksvoll zur Geltung kommt. Man darf das bedauern, man kann es aber auch einfach als geschickte Programmgestaltung interpretieren – als ein passgenaues Gegenstück, als Außen zum Innen. So markiert den Höhepunkt dieses Abends nicht zufällig „Someday We’ll All Be Free“, jener Klassiker von Donny Hathaway, interpretiert von Wright und Porter im Duett.

Reicht das für goldene Zeiten? Gemessen an der Publikumsresonanz ganz gewiss. Ohne Zweifel trifft Porter einen Nerv. Oder wie er selbst sagt: eine Sehnsucht nach „geerdeter Kultur und echtem Ausdruck“. Diese Echtheit mag ihre Mängel haben, ihre Schwachstellen und Streitpunkte. Doch das ist nun mal der Preis für das Authentische: Was wirklich „geerdet“ ist, kann niemals perfekt sein.

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