Sanaz Zaresani liest im Concordia Theater aus ihrem Erstlingswerk „Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben“

Gedichte gegen das Regime

Sanaz Zaresani kämpft für einen besseren Iran.

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Nicht jede Frau, die sich für die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen einsetzt, ist eine Feministin. Sanaz Zaresani zumindest mag sich mit diesem Begriff nicht identifizieren.

Obwohl sie scharfe Kritik an der Regierung übt – insbesondere was Frauen und ihre Rechte betrifft – sieht sie sich als Sprachrohr aller Iraner: „Ich will auf die Lager aller meiner Landsleute aufmerksam machen. Jeder hat dort Probleme, nicht nur die Frauen.“

Am Freitag las Zaresani im Bremer Concordia Theater aus ihrem ersten Gedichtband „Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben“.

Während die Autorin nur Persisch sprach, wurden ihre Gedichte von Hossein Masouri und Schirin Nowrousian auf Deutsch gelesen. Insbesondere Nowrousian spielte mehr, als dass sie las und gab den Gedichten dadurch eine völlig neue und betontere Aussage. Dass sie nur auf Persisch vorlas, zeigte einerseits ihre immer noch tiefe Verbundenheit zum Heimatland, hatte andererseits auch praktische Gründe: Nach nur neun Monaten in Deutschland spricht die Exiliranerin kaum deutsch.

Der Wechsel zwischen Deutsch und Persisch machte jene Zerrissenheit deutlich, unter der viele Exilanten leiden: mit einem Fuß in der neuen Heimat, ohne die alte richtig aufgeben zu können.

Ihre persischen Wurzeln will auch Sanaz Zaresani nicht verleugnen. Sie stammt aus der Stadt Sarab im nordwestlichen Teil des Iran, der zur Provinz Ost-Aserbaidschan gehört. 1980 geboren, ein Jahr nach dem Ende der Schah-Monarchie und dem Beginn der Ayatollah-Ära, wurde Zaresani ihr ganzes Leben von Ereignissen geprägt, deren Auswirkungen den Iran bis heute überschatten.

Als der politische Druck für sie zu groß wurde, flüchtete Sanaz Zaresani 2008 nach Deutschland. Seither übt sie öffentlich regelmäßig Kritik an den Zuständen in ihrer Heimat, vor allem an den ständigen Repressalien, die unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad stark angestiegen sind.

In ihrem Erstlingswerk nutzt sie ihre gewonnene publizistische Freiheit, um Missstände unverhohlen aufzuzeigen. Worte wie: „Hier ist Iran / Hier / verfaulen all die Gräber / in der unaufhörlichen Aufeinanderfolge / der Vergangenheit“ wirken wie ein Urteilsspruch auf die Bilanz der vergangenen Jahrzehnte.

Feministin mag sie zwar nicht sein, das Schicksal der Frauen bewegt sie aber dennoch. Ihre Gedichte handeln von Verschleierung, Unterdrückung und Missbrauch. In ihrem Pladoyer für mehr Rechte und weniger Religion wendet sie sich sogar gegen ihre Eltern. Sanaz Zaresani verkörpert die Generation der Verbrannten, die mit aller Macht gegen die Fesseln des Staates kämpft, selbst wenn das Vertreibung und Ausgrenzung zur Folge hat. Und besonders weil sie jung ist und Träume hat, konnte Zaresani nicht im Iran bleiben. Um sie selbst sein zu können, war eine Flucht aus der Heimat nötig. Selbst wenn dies bedeutete, Familie und Freunde hinter sich zu lassen.

An diesem Abend konnte Sanaz Zaresani zwar mit der Botschaft ihrer Gedichte überzeugen. Dennoch ließ sie den Besucher auch mit Fragen zurück. So blieb es während der ganzen Lesung ein Rätsel, aus welchem Grund Marit Lehmann orientalische Klänge bemühte. Wenn sie dann noch eine Plastikblume mit roter Flüssigkeit begießt, bleiben die Zuschauer ratlos. Eine Metapher für vergossenes Blut im Iran? Es wäre ein reichlich naives Bild. Das Volkslied „Die traurige Orientale“ war ein willkommener Bruch in der Lesung. Ob die Diskrepanz zwischen dem Titel und der lebendigen Melodie gewollt war? Zerasani blieb eine Antwort schuldig.

Und auch wenn sie sich dagegen sträubt: Viele Leser werden sich vor allem wegen der Regimekritik für ihre Gedichte interessieren. Mit den Bildern der gescheiterten Revolution im Bewusstsein, wird Zaresani zur Verbündeten der Kämpfer, insbesondere der iranischen Frauen.

Sanaz Zaresani: „Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben“, erschienen im Sujet Verlag.

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