Monumente für Staunen und Suchen: Zeichnung und Hinterglasmalerei von Veronika Dobers in der Bremer Galerie Mitte

Gedanken schlagen Schneisen ins Gebirge

Veronika Dobers: Wenn man denkt.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Auf der Einladungskarte illustriert eine Abbildung das Ausstellungsthema: „wenn man denkt“. Man sieht zwei Köpfe. Der eine ist aufwärts gerichtet und entlässt geradlinige Fäden nach oben. Der andere ist auf eine Hand gebeugt – Ausdruck von Müdigkeit oder Ratlosigkeit? Über ihm verschlingen sich Gedankenbahnen zu einem krausen Gewebe.

„Wenn man denkt“. Was im Moment des Denkens passiert, kommt in den Arbeiten von Veronika Dobers ebenso zum Ausdruck wie Anlässe und Folgen von Denkprozessen. Für verschiedene Vorgänge und Ausformungen des Kopfgebrauchs findet die Künstlerin prägnante Figuren und Sinnbilder in Zeichnung und Hinterglasmalerei. Noch bis zum 17. September sind ihre Arbeiten in der Bremer Galerie Mitte zu sehen.

Das Bild „Monument für einen Ast“ zeigt eine Figur in Beobachterpose vor einem beschnittenen Ast in deutlicher Schräglage. Das Stück Holz fußt auf einem sich perspektivisch verjüngenden, der Komposition eine merkwürdige Raumwirkung verleihenden Boden. Die dunkle Plattform ist mit einem japanischen Ornament ausgestattet, das Gewicht und Gegengewicht symbolisiert. Die Suche nach Balance lässt sich hier sowohl auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur wie auch auf eine innere Ausgewogenheit im Menschen selbst beziehen – beste Bedingung für ein selbst gestaltetes, gemeistertes Leben.

Die Motive Baum und Ast treten in den Bildern von Veronika Dobers häufiger auf. In der Serie „School“, in der Schreibübungen aus dem Heft einer 11-jährigen japanischen Schülerin als Grundlage dienen, erscheint ein Ast in Knotenform, im Wechselspiel von Fügung und dem Ausbruch in die ursprüngliche Form. Ein Baum ist in einer leuchterähnlichen Form zu sehen, wie sie die Natur nie wachsen lassen würde. Das Spannungsverhältnis zwischen natürlichem Wuchs und Kultivierung gewinnt so Gestalt.

Auch Bündel, ein weiteres Leitmotiv, lassen sich als gebändigte Natur verstehen, wobei deren Eigenbewegung immer noch erkennbar bleibt. Sie treten in Formen auf, die menschlicher Gestalt nahe kommen, oder als organische Architekturen, dem Pflanzenbau verwandt. Parallelen von Mikrokosmos und Makrokosmos, von Topographien und Querschnitten durch kleinste Organismen thematisiert Veronika Dobers in einer eigenen Werkgruppe.

In einem weiteren Bild der „Monument“-Reihe beherrscht ein praller riesiger Tropfen die Fläche. Bezieht man die Darstellung auf das Grundthema der Schau, ließe sich das „Monument für einen Tropfen“ als eine Ansammlung von Gedanken verstehen, die kurz vor dem Bersten steht, bedrohlich über einem Bootsfahrer schwebend, dem Sinnbild für einen Suchenden.

Im „Monument für das Denken“ steigt eine goldene, gebogene Wolke von einer schräg schwebenden ovalen Plattform auf. Das geschwungene Gebilde könnte ein Fragezeichen sein, von dem alles Denken ausgeht, oder aber aufgetürmte, sich zusammenballende Energie – gleich einem Naturereignis. Das Muster auf der ovalen Form geht auf das Ornament der Pinienrinde zurück. Die Pinie symbolisiert Glück und langes Leben.

In der rechten unteren Bildhälfte befindet sich ein Motiv, das Veronika Dobers gleichfalls häufig verwendet: ein Gebirgszug mit einer Schneise, die einen Weg in die Tiefe öffnet. Ein unüberwindlich erscheinendes Hindernis wird hier passierbar, es liegt nahe, geballte Gedankenkraft als Ursache für das Schlagen des Portals ausfindig zu machen.

In den Zeichnungen ist genaueste Anlage erkennbar, die metaphorische Eindringlichkeit, die Veronika Dobers‘ Arbeiten entwickeln, wäre ohne formale Pointierung auch kaum denkbar. Aber auch der spontane Strich findet sich als Pendant zum schnellen Gedanken. Die Bilder der Künstlerin zeigen, was passiert, „wenn man denkt“, sie sorgen aber auch in magischer Klarheit dafür, dass man weiter denkt, bildhaft und damit umso eindringlicher.

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