Alexander Giesche über den „perfekten Menschen“ und seine Produktion am Theater Bremen

Nur in der Geburt und im Tod vollendet

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Jeder sein eigener Gott: Alexander Giesche begibt sich auf die Suche nach dem perfekten Menschen. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Am Ende bleiben nur drei Fragen: Warum dauert die Freude so kurz? Warum ist das Glück so launisch? Und warum ist sie gegangen? Gestellt werden sie in Jørgen Leths Kurzfilm „Der perfekte Mensch“ von einem perfekt anmutenden Herrn in Anzug. Wobei mit „Sie“ jene ebenso perfekt anmutende Frau gemeint ist, die den perfekten Mann bis zuletzt noch bezirzt hat.

Der Streifen aus dem Jahr 1967 bildet den Ausgangspunkt für eine gleichnamige Produktion, die am kommenden Samstag am Theater Bremen Premiere feiert. Regisseur Alexander Giesche erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, warum der Mensch eigentlich nur zweimal im Leben perfekt sein kann.

Herr Giesche, warum dauert die Freude eigentlich so kurz?

Giesche:Weil wir im Moment der Freude auch schon den nächsten Höhepunkt anstreben. So ist der Mensch nun mal konditioniert, und deshalb kann er so etwas wie Perfektion gar nicht erleben.

Ist das auch schon die Antwort auf die Frage, warum Glück so launisch ist?

Giesche:Wahrscheinlich. Ich muss aber sagen, dass die Beschäftigung mit dem Begriff der Perfektion für mich ein zweischneidiges Schwert ist. Man kann das Streben nach der Vollkommenheit auch genießen: Perfektion ist Geißel und Muse zugleich.

Was ist das eigentlich: Perfektion?

Giesche:Das definiert jeder anders. Deshalb habe ich die Darsteller aufgefordert, ihre ganz individuellen Antworten auf Jørgen Leths Film zu formulieren, damit wir aus ihnen dann gemeinsam unsere Produktion erarbeiten können.

Wie muss man sich das vorstellen?

Giesche:Jeder Akteur stellt seinem Kollegen seine eigene Antwort vor, auf welche dieser wiederum eine Antwort finden muss. Auf diese Weise bildet sich ein Netzwerk von individuellen Perspektiven auf den Perfektionsbegriff.

Gibt es Gemeinsamkeiten?

Giesche:Schauspiel und Tanz haben schon als Kunstformen viel mit der Herstellung perfekter Momente zu tun. Insofern wird sich in unserem Abend auch der Bühnenalltag eines Theaters spiegeln.

Das ist nun Perfektion in ihrer ästhetischen Bedeutung. Ihr Stück spielt aber auch auf den gesellschaftlichen Perfektionswahn unserer Zeit an.

Giesche:Na ja, dieses Problembewusstsein um den gesellschaftlichen Perfektionswahn ist ja längst Konsens geworden. Für unser Stück ist das ein Problem. Denn unser Titel „Der perfekte Mensch“ könnte vor diesem Hintergrund wie eine Moralkeule wirken. Mir ist aber wichtig, dass sich das Publikum über die Ästhetik seine Meinung selbst bilden kann.

Wie soll das funktionieren?

Giesche:Das erste, was das Publikum zu sehen bekommt, werden tanzende Menschen sein: jeder ganz für sich, wie auf einer Party. Das ist ein Zustand, den wir alle als ziemlich perfekt verstehen, gerade weil wir dabei den Kopf frei haben. Wenn wir jemanden beim Tanz beobachten, passiert mit uns etwas. Eifersucht möglicherweise: Neid auf dieses Glücksgefühl.

Wer den Kopf frei hat, sagen Sie, der ist der perfekte Mensch. Das lateinische „perfectio“ bedeutet „Vollendung“, also einen Endzustand. Das bedeutet…

Giesche:…den Tod, ja. Ich stehe in der Tat auf dem Standpunkt, dass der Zustand, den wir als perfekt begreifen, nur im Tod und vielleicht auch noch in der Geburt eintritt.

Schon Goethes Faust strebte nach Perfektion. Nur hatte er dabei noch Welterkenntnis im Blick. Das spielt heute keine Rolle mehr, Perfektion hat sich vom Geistigen ins Äußerliche verlagert: in Schönheitsideale und Modeerscheinungen. Warum?

Giesche:Das liegt in der Orientierung an medialen Leitbildern begründet. Wir sind andauernd damit beschäftigt, unser eigenes Verhalten mit dem Auftritt von Medienfiguren zu vergleichen. Und dann gibt es noch die religiöse Komponente: Wenn es keinen Gott mehr gibt, muss ich mein eigener Gott werden.

Heine sprach einmal davon, dass die totale Demokratie sämtliche Unterschiede einebne: auch jene, die Poesie überhaupt erst ermöglichen. Am Ende werde nichts übrig bleiben als der „demokratische Hass gegen die Poesie“. Ist der Perfektionsdrang in Wahrheit ein Demokratieproblem?

Giesche:Unsere Freiheit zwingt uns zur Selbstdefinition. Ich muss bestimmen, wer ich sein will. Für viele junge Menschen wird das zur Bürde. Sie wissen gar nicht, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen. Aber auch das ist natürlich ein Luxusproblem meiner Altersklasse: einer verzogenen Generation, der es unglaublich gut geht.

Jeder muss etwas Einzigartiges werden, sonst hat er die ihm gegebene Freiheit nicht ausgenutzt.

Giesche:Und vor allem kreativ. Der Begriff „Kreativität“ hat unsere Gesellschaft vollkommen durchdrungen: Selbst ein Metzger spricht von seiner Tätigkeit, als handele es sich dabei um eine Kunst.

Vielleicht als Antwort auf Joseph Beuys‘ Diktum, wonach jeder Menschen das Recht haben solle, ein Künstler zu sein?

Giesche:Ich glaube, dass diese Antwort auf einem Missverständnis beruht. Heute haben wir überall unsere Handykamera dabei und schießen Fotos, die wir sofort auf Blogs oder in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Das führt dazu, dass wir denken, wir seien Künstler mit einem wahnsinnig kreativen und einzigartigen Leben. In Wahrheit sind all diese vermeintlich individuellen Lebenswirklichkeiten gleichgeschaltet: weil alle dieselbe App benutzen, dieselben Filter auf ihre Bilder legen.

In der Werbung wird die Individualität als höchstes Ziel gepriesen.

Giesche:Mein Vater war Leiter einer Werbeagentur, und ich glaube, er ist daran zugrunde gegangen. Diese Welt des Verkaufens hat er oft als ekelhaftes Business bezeichnet.

Weil er perfekte Menschen verkaufen musste?

Giesche:Weil er überhaupt verkaufen musste. Mit der Perfektion in der Werbung ist das ja so eine Sache: Die Agenturen haben mittlerweile verstanden, dass wir uns selbst gar nicht so perfekt sehen und der perfekte Mensch als Projektionsfläche nicht mehr funktioniert. Deshalb setzen sie jetzt auf Personen mit Fehlern. Diese Fehler sind aber natürlich bloß liebenswerte Makel: Letztlich lassen uns diese erst recht perfekt erscheinen.

Premiere am Samstag, 11. Mai, um 20 Uhr am Theater Bremen, Kleines Haus.

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