Frankfurter Schirn zeigt Werke von Gustave Caillebotte

Geburt des „Neuen Sehens“

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Gustave Caillebotte: „Parkettschleifer“, Öl auf Leinwand (1875).

Frankfurt / M. - Von Wilfried Dürkoop. Der Jurist Gustave Caillebotte hatte von seinem Vater, einem Tuchhändler, ein beträchtliches Vermögen geerbt. Mit einem erheblichen Teil seines Geldes unterstützte er seine Freunde, zu denen Auguste Renoir, Claude Monet, Edouard Manet und Edgar Degas gehörten.

Caillebotte, der an einer Kunstakademie studiert hatte, zeigte in seinen Bildern nichts Gefälliges und Vertrautes. Er malte einfache Fensterbrüstungen, auf denen Schnee liegt, den Blick durch ein schmiedeeisernes Balkongitter auf eine auf dem Boulevard vorüber ziehende Kutsche, Litfasssäulen und Laternen, das mit gusseisernen Ornamenten verdeckte Wurzelwerk von Bäumen.

Dabei arbeitete er mit extremen Nahsichten, radikalen Aufsichten, Verzerrungen, bruchstückhaften Ausschnitten und Unschärfen. Caillebotte bediente damit sich als einer Ersten der Stilmittel des „Neuen Sehens“, die in der Fotografie erst 50 Jahre später – unter anderem von den Protagonisten der Bauhaus-Fotografie wie Làszló Mohogly-Nagy, André Kertesz oder später Otto Steinert – eingeführt wurden.

Caillebottes auf der zweiten Pariser Impressionistenausstellung gezeigten „Parkettschleifer“ – Männer mit nacktem, muskulösem und verschwitztem Oberkörper ziehen in einer lichtgesättigten großbürgerlichen Wohnung das matt glänzende Parkett ab – erregten bei Kunstliebhabern einiges Aufsehen. Er hatte damit nicht nur ein verpöntes Motiv aufgegriffen; auch die Wahl der Perspektive hob es von Werken anderer Impressionisten ab. Der Raum wirkt stark gedehnt – vergleichbar mit einer fotografischen Weitwinkelaufnahme. Die Arme der Arbeiter sind gestreckt und die Plastizität ihrer Körper wird durch das vom Balkonfenster hereinfallende Gegenlicht verstärkt. In der Ausstellung wird dieses malerische Meisterwerk der Fotografie „Asphaltierer“ von Eugène Atget, dem Chronisten des alten Paris, gegenüber gestellt.

Das Gemälde „Pont de l‘Europe“ zeigt auf dem Gehweg einer Brücke an einem sonnigen Tag ein Paar, dem ein Hund entgegen läuft sowie Flaneure, Arbeiter. Im Hintergrund sind die unter dem Stadterneuerer Baron Haussmann entstandenen Boulevards mit ihren repräsentativen Stadthäusern zu erkennen. Dominiert wird das Bild durch eine gigantische Stahlkonstruktion der Brücke, die in nahezu fotorealistischer Weise wiedergegeben ist. Ihre doppelten, sich überkreuzenden Streben geben den Blick frei auf zwei Lokomotiven. Diese gewagte Perspektive wurde offensichtlich durch die technischen Mitteil der Fotografie beeinflusst, die Neuerungen in Großstädten festhielt und ihre ornamentalen Strukturen und ästhetischen Qualitäten in den Mittelpunkt stellte.

Gustave Caillebotte hat seine Impressionistensammlung dem französischem Staat hinterlassen, der die Bilder zunächst gar nicht haben wollte. Heute werden die Klassiker im Pariser Musée d‘Orsay gezeigt. Caillebottes eigenes Oeuvre – Landschaften, Porträts, Stillleben – wurde überwiegend von privaten Sammlern geschätzt und gehütet. Einige seiner Werke in amerikanischen Museen führten zu einer Neubewertung und Wiederentdeckung dieser rauschhaft nüchternen Malerei, zuerst in Frankreich, jetzt auch in Deutschland.

Schirn Kunsthalle Frankfurt. Bis 20. Januar. Der Katalog, erschienen im Hirmer Verlag, kostet in der Ausstellung 29,90 Euro.

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