Nachtstück als Musical: Klaus Schumacher blickt in Bremen mit Waits und Wilson auf Georg Büchners „Woyzeck“

Gebt, so wird euch genommen

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Gehetzt in der Arena: Woyzeck (S. Zigah), oben „Idiot“ Karl (P. Fasching). ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die Schauspielerei, sagte Robert Wilson einmal, sei in Deutschland ein seltsames Geschäft. Drei Monate sitze man da an einem Tisch, lese, diskutiere.

„Drei Monate diskutieren über ein Stück! Wozu? Ich stehe einfach auf und mach’s!“ Einfach gemacht hatte der amerikanische Regisseur da gerade „Woyzeck“ – mit rockigen Songs von Tom Waits statt sozialtheoretischen Reflexionen von Richard Sennett. Büchners Nachtstück als Musical: Die Kritiker waren geradezu hingerissen, damals vor zwölf Jahren.

Es ist nicht bekannt, wie lange das Schauspielensemble am Theater Bremen zuletzt an Tischen gesessen, Bücher gelesen und diskutiert hat. Tatsache ist jedenfalls, dass sich Regisseur Klaus Schumacher für seine „Woyzeck“-Produktion kurzerhand des so hochgelobten Musical-Konzepts seines Kollegen bedient. Es gibt gute Gründe dafür, und einer davon findet sich im Untertitel dieses Abends. „Nach dem Stück von Georg Büchner“, heißt es da. Dabei gibt es dieses gar nicht. Was es gibt, ist lediglich eine Ansammlung von Szenen, unterteilt in vier Entwurfsstudien. „Woyzeck“, das ist weniger ein kohärentes Drama, als der Steinbruch für ein noch zu erschaffendes Gesamtkunstwerk.

In Bremen sind daran auch die Brüder Grimm beteiligt. Ein glatzköpfiges Männlein (Peter Fasching als „Idiot“ Karl) schleicht sich nämlich zu Beginn auf die Bühne, um freudig erregt die frohe Botschaft zu verkünden. Das Evangelium in seiner stark verkürzten Version: dem Märchen von den „Sternthalern“. Vom Kind, das jedem etwas abgibt und dafür am Ende umso reicher beschenkt wird. Gebt, so wird euch gegeben. Schön wär’s.

Wenigstens für den einfachen Soldaten Franz Woyzeck (Simon Zigah) will sich diese Verheißung nicht recht erfüllen. Wie ein Stier in der Arena hetzt er durchs steile Rund der Zuschauerränge (Bühne: Katrin Plötzky). Ein ständiges Geben: eine Rasur für den Hauptmann (von Susanne Schrader mehr als eine Art Domina in Uniform interpretiert), Geld für die Freundin (Annemaaike Bakker als Marie), körperliche Dienstleistungen für den Herrn Doktor (Guido Gallmann). Alles nach dem Gebot der christlichen Nächstenliebe. Und was kommt zurück? Nichts als Hohn und Spott.

Vom Doktor etwa, dieser obskuren Gestalt mit Hitler-Frisur und Rohrstock in der Hand: Er kann sich kaum halten vor lachen, als er Woyzeck erklärt, was den Menschen eigentlich ausmacht. „Der Mensch…“, fängt er an und prustet gleich wieder los. „Der Mensch… ist – haha: frei! Uaahahaha!“ Trocknet sich die Tränen, murmelt etwas von „Individualität zur Freiheit“, die sich im Menschen verkläre und gerät gleich auch darüber wieder ins Kichern, als sei etwas Absurderes als die Freiheit noch nicht zu hören gewesen.

Und während der Adressat dieses Spaßes noch ganz betäubt in der Gegend herumsteht, stimmt die Kapelle hinter der Tribünenkonstruktion schon ein Liedchen an: „A good man is hard to find“. Das sieht allmählich auch Woyzeck so, wenngleich er den Einflüsterungen des Hauptmanns glauben mag, zumindest er selbst sei dieser gute Mensch. Dabei erfüllt er seine barmherzigen Dienste weniger als Mensch denn als Maschine: ein tumber Befehlsempfänger, der geborene Soldat.

Darin liegt die eigentliche Tragik dieses Abends. Nicht in der Anklage einer vermeintlichen Diskriminierung, wie „Woyzeck“ allzu oft verstanden wird. Sondern in den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten auf Tugenden wie Pflicht, Freiheit und Verantwortung. Und im Widerspruch von kollektiver Moralvorstellung einerseits und individueller Interpretation derselbigen andererseits.

Wenn etwa Marie von ihrem Anspruch auf „Individualität zur Freiheit“ tatsächlich Gebrauch macht und sich dem Werben des feschen Tambourmajors (Claudius Franz) hingibt, so kann Soldat Woyzeck darin nur einen Verrat an der Pflicht sehen. „Bin ich Mensch?“, ruft Marie deshalb voller Zweifel, als Woyzeck sie beim Anprobieren der vom Nebenbuhler geschenkten Ohrringe ertappt. Der Doktor hätte über diese Frage wohl laut gelacht.

Wilsons „Woyzeck“, das ist bei Schumacher eine finstere Zirkusvorstellung mit strenger Fremd- und Selbst-Dressur, bösen Clowns sowie einer Musik, die den Menschen Befreiung verspricht, wo sie Zucht liefert: „Misery’s the rhythm of the world“, singen sie und merken gar nicht, dass sich der Rhythmus des Elends in eben diesem Marsch überhaupt erst manifestiert.

So prägnant, wie die Regie (glücklicherweise ohne Wilsons Tableau-Ästhetik) unser Scheitern an der Tugend zu spiegeln vermag, so überzeugend gelingt es dem Ensemble, in diesem Scheitern die Identität des Menschen sichtbar werden zu lassen. Das gilt besonders für Simon Zigah, der in seinem Woyzeck das Dilemma aufzeigt zwischen dem Glauben an eine allgemeingültige Moral und der Verwunderung über die vielen Abweichungen davon. Großartig auch, wie Susanne Schrader als weiblicher Hauptmann das Machtverhältnis zu Woyzeck um eine sexuelle Komponente erweitert. Lediglich Guido Gallmanns Doktor hätte man sich noch schneidiger vorstellen können – zumal er sich schließlich als Dämon der Woyzeckschen Fantasie erweist.

Am Ende tritt die Nachbarin Margreth (Gabriele Möller-Lukasz) an die Rampe, um noch mal ihre eigene Sicht auf das mit den Sterntalern kundzutun. Das arme Kind muss jetzt erkennen, dass der gute Mond in Wahrheit nur ein verfaultes Stück Holz ist. Aus der Sonne wird eine verwelkte Blume. Statt der vielen blanken Taler gibt’s am Ende nur Tränen und Einsamkeit. Das ist nicht mehr Brüder Grimm. Das ist Büchner.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 8., 11., 16. und 30. März, jeweils um 19.30 Uhr am Theater Bremen (Großes Haus).

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