Auf sie mit Gebrüll

Lisa Kränzler zeichnet in „Coming of Karlo“ ein dichtes Gesellschaftsbild

Bremen - Von Benjamin Moldenhauer. Karlo hat sich in Gwen verliebt. Untypisch für den 17-Jährigen, der zu Frauen ein eigentlich nur instrumentelles Verhältnis pflegt. Karlo interessiert sich vor allem für die sexuelle Verwertbarkeit der Körper. Die engmaschige Geschlechtermatrix, in der für alle Beteiligten klare, eingefleischte Rollenvorgaben herrschen, organisiert in Lisa Kränzlers monumentalem Roman „Coming of Karlo“ das Begehren und das Denken der Figuren. Grob: Die Männer sollen sich nehmen, was ihnen zusteht, die Frauen sollen sich hübsch machen. Die Ergebnisse sind trist.

Als Karlo und Gwen, die Neue in der Klasse, sich begegnen, trifft es die beiden buchstäblich wie ein Schlag. Wie die meisten zwischenmenschlichen Begegnungen in diesem Roman ist auch das erste Aufeinandertreffen der beiden mitbestimmt von Gewalt. Karlo blättert heimlich in Gwens Skizzenbuch, wird von ihr erwischt, sie tritt ihm vors Schienenbein: „Er hört Pochen, spürt sich fiebern, fühlt, wie Schmerz und Ohnmacht in Zorn und Kampfkraft überblenden“. Karlo schlägt Gwen ins Gesicht: „Dann wird es warm, rinnt Rotes aus aufgeplatzter Haut und zitternden Nasenlöchern, fließt Hämoglobinhaltiges übers Kinn, tropfen zig Millionen Zyten aufs Nebelgrau der Tischplatte.“ Daraufhin rammt sie ihm einen Kugelschreiber in die Brust.

Der Beginn einer großen ersten Liebe. Karlo und Gwen kommen einander näher. Später lernt Karlo einen zentralen Aspekt toxischer Männlichkeit kennen: absorbierende Eifersucht, die die Liebe verwandelt in kalte Wut. Am Ende eskaliert alles.

Wäre „Coming of Karlo“ ein straight erzähltes Jugendbuch, es wäre wahrscheinlich nicht länger als maximal 200 Seiten geworden. Lisa Kränzlers Sprache allerdings ist ausufernd und eigengesetzlich strukturiert, dass einem so schnell nichts Vergleichbares in der deutschsprachigen Literaturlandschaft einfallen mag. Höchstens die Texte, die Elfriede Jelinek in den 80er- und 90er-Jahren geschrieben hat, kommen einem in den Sinn.

Aber anders als bei Jelinek, geht es in „Coming of Karlo“ nicht – zumindest nicht primär – um aggressiv-ironische Dekonstruktion. Eher noch entsteht hier eine maximal verdichtete Beschreibung. Kränzlers virtuose, eigenwillige Sprache erzeugt bei aller Komplexität Unmittelbarkeit und vergrößert das banale Kleinstadttreiben auf die existenzielle Bedeutsamkeit, die es für ihre Figuren ja tatsächlich hat. Es entsteht das Bild einer Verstrickung in Erziehungs-, Arbeits- und vor allem in Liebesverhältnisse, die nicht ausweglos, aber doch zementiert ist. Man sieht es an den erwachsenen Figuren, wahlweise tief enttäuscht und depressiv oder einfach abgestumpft. „Coming of Karlo“ ist weniger das Psychogramm eines Jugendlichen, sondern ein auf maximale Schärfe gestelltes Gesellschaftsbild. Ein erstaunliches Buch.

Lesen:

Lisa Kränzler: „Coming of Karlo“, 624 Seiten, gebunden, 29 Euro, Verbrecher-Verlag.

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