Werden und vergehen: „Momix Botancia“ im Bremer Musical Theater

Gartenglück mit PVC-Rohr

Im Kreislauf der Natur: Szene aus „Momix Botancia“ im Bremer Musical Theater. ·
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Im Kreislauf der Natur: Szene aus „Momix Botancia“ im Bremer Musical Theater. 

Bremen - Von Nina Baucke. Ein Garten ist auf den ersten, flüchtigen Blick eine Mischung aus Gras, Erde und Blumen, nichts weiter. Doch beim genauen Hinsehen offenbart sich eine komplexe, kleine, oft fragile Welt für sich.

Der US-amerikanische Choreograph Moses Pendelton hat einen solchen, intensiven Blick in seinen Garten geworfen, und herausgekommen ist das Programm „Botanica“, mit dem seine Tanzkompanie Momix gegenwärtig durch Europa tourt. 

Zum Abschluss dieser Tour machte das Ensemble am vergangenen Wochenende im Bremer Musical Theater Halt.

Wer von „Botanica“ eine durchgängige Handlung erwartet, wartet vergeblich, denn Moses Pendelton bietet in seinen Choreographien keinen stringenten Plot im klassischen Sinne. Er erzählt vielmehr die Geschichte vom Werden, Sein und Vergehen der Natur – den roten Faden, der die einzelnen Bilder lediglich zaghaft miteinander verknüpft, bildet der Wandel der Jahreszeiten. Die Saat für den Frühling besiegt den Winter, Blumen erblühen, eine Libelle tanzt im Wind, Bienen erobern ihr Territorium, Sonnenblumen drehen sich zum Licht, bevor wieder der Herbst die Blätter gold färbt und der Winter wieder die Oberhand gewinnt. Begleitet wird dieser Kreislauf von Vogelgezwitscher, sphärischen Klangteppichen, intensiven Elektrobeats, Musik von Vivaldi, indischen Weisen und einem Hauch von Irish Folk.

Dabei bekommt jede Szene zu Beginn ihren Überraschungsmoment, denn stilistisch eindeutig lässt sich die Show nicht festlegen. Der Wechsel zwischen Minimalismus und großer Ensemblechoreographie, geschickter Lichtsetzung und Videoinstallationen, temperamentvollen Ausbrüchen und fast schon meditativem Aufbau schafft eine Atmosphäre, die einlädt, sich in den Rausch der Bilder fallen zu lassen – der Garten wird zur fernen, fast surrealen Galaxie. Früher Höhepunkt ist ein scheinbar körperloser, schwebender Tanz, bei dem in der Schwärze lediglich Arme und Beine grün ausgeleuchtet werden und die sich dann in Ranken, Schlangen und andere Figuren verwandeln.

„Tanz küsst Fantasie“ lautet der Untertitel des Programms, das mag zunächst etwas pathetisch klingen, erklärt sich aber spätestens dann, wenn nicht nur Blumen über die Bühne tanzen, sondern eine Art Saurier erscheint oder Zentauren einen wilden Tanz vollführen. Vor allem bei letzterem zeigt sich die Qualität des zehnköpfigen Tanzensembles: Je zwei Tänzer bilden einen Zentauren, einer aufrecht, der andere in vornübergebeugter Haltung – und doch geschehen alle Bewegungen des Fabelwesens fließend und gleichmäßig.

Ohnehin agieren die Momix-Akteure sehr präzise, verschwinden geradezu in ihren Kostümen, werden eins mit der Natur, die sie darstellen. Zugleich sind sie Akrobaten und Puppenspieler, sie hantieren mit teilweise gewagten Konstruktionen, Kreationen von Figurendesigner Michael Curry, der schon dem Design der Musical-Adaption „Der König der Löwen“ seine Handschrift verpasste, sowie mit einfachen PVC-Rohren und Poolnudeln.

Die Bedeutung der manchmal doch eher rätselhaften und bisweilen diffusen Bilder auszuloten, überlässt Moses Pendelton den Zuschauern. Doch jeder interpretatorische Ansatz wird dann spätestens im zweiten Teil hinfällig – denn dann ist er auf einmal da, dieser Moment, in dem jedes Augenzwinkern zu viel scheint, um ja nichts zu verpassen. Vor allem, als ein Tänzer ein riesiges Blütenblatt wie im Wind sacht schwanken und zur Projektionsfläche für Lichtinstallationen werden lässt. Nur die halboffenen Seitenvorhänge, die immer wieder einen Blick auf den Betrieb hinter der Bühne erlauben, nehmen der ganzen Atmosphäre ein wenig von ihrem Zauber.

Dennoch bleibt vor allem eines: das Vorhaben, den Blick für den nächsten Gang in die Natur zu schärfen und für die kleinen Details zu öffnen.

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