Ganz nah am sechsten Sinn: Sabine Wewer im Syker Vorwerk

Boten des Anderen

+
Sabine Wewer: „Falkner II“, 2012, Öl auf Leinwand.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Das Fremde ist ein seltsames Ding. Liegt es in der Ferne, sehnen wir uns danach. Kommt es zu uns, macht es uns Angst. Wer im Sommer noch in die Karibik fliegt, sorgt sich im Winter schon vor syrischen Flüchtlingen. Und wer im Alltag als braver Bürger auf Parkverbot und rote Fußgängerampeln achtet, der gönnt sich abends mit dem „Tatort“ seine Portion Mord und Totschlag.

Das Syker Vorwerk widmet der Stuhrer Künstlerin Sabine Wewer ab Sonntag eine eigene Ausstellung. „White Gold“ heißt sie, benannt nach einem der gezeigten Werke. Der Titel soll den Besucher zu Deutungsaspekten wie Reinheit, Spiritualität und materielle Werte führen. Das ist zwar nicht ganz abwegig, als Kontrapunkt aber liegt all dem stets die Erfahrung von Fremdheit zugrunde: nicht als politisches Phänomen, sondern als zutiefst privates.

Es ist die Ambivalenz aus der Sehnsucht nach und der Angst vor einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Verheißung und Bedrohung zugleich, wie wir sie etwa von unseren Träumen kennen. Wewer sucht nach diesen Schwebezuständen und überführt sie in eine bildsprachliche Erzählung. Das ist reizvoll, aber auch riskant: Die Erkundung solcher Grenzbereiche zu Parallelwelten – zum sechsten Sinn oder auch zur vierten Dimension – birgt immer auch die Gefahr des Okkultismus in sich. Auch Wewers Kunst ist davor nicht gefeit, weshalb ihre Rezeption selbst zu einem ziemlich ambivalenten Erlebnis wird.

Zu überzeugen vermag diese Exkursion an die Demarkationslinien unserer sinnlich begreifbaren Wirklichkeit, solange sie an Erfahrungen anschließt. Der Blick in den Lauf eines Revolvers vermag einen Moment in Jahre zu verwandeln und einen Raum in die Unendlichkeit zu dehnen. Wewer versteht es, aus dieser von Todesangst getriebenen totale Fokussierung auf die schmale Öffnung heraus, Raum und Zeit zu erweitern. In grotesker Idylle fliegt gemächlich ein Schmetterling vorbei, während die Augen des Schützen seltsam doppelt erscheinen: Weil der konzentrierte Blick auf die nach vorne gestreckte Waffe den Hintergrund nicht anders auflösen kann? Oder weil in der Nahtoderfahrung gewohnte Wahrnehmungsstrukturen aufbrechen?

Von freiwilligen Grenzerfahrungen kündet eine einsame Achterbahn. Unscharf schält sie sich aus dem nächtlichen Dunkel hervor, man weiß nicht recht, ob sie ihre besten Tage schon hinter sich oder erst vor sich hat. All ihren Jahrmarktstrubels entkleidet mutet diese Maschine zur Erkundung der eigenen Bewusstseinsgrenzen wie ein dämonisches Wesen an: Der Nervenkitzel des Kontrollverlusts offenbart seine finstere Dimension.

Die Irritation der nur scheinbar wohlgeordneten Wirklichkeit erfährt bei Wewer dann eine hohe Wirkungskraft, wenn sie etwa die Gestalt eines Falken annimmt, der dem Betrachter in nahezu vollkommener Tarnung urplötzlich aus dem Wald entgegen schießt. Selbst Mutter Natur ist also nicht zu trauen, ruft uns dieser Falke zu: ihren Farben und Formen ebenso wenig wie unseren von ihr geerbten Sinnesorganen! Ist dieser Raubvogel der Bote einer zweiten Welt jenseits der längst ausgedeuteten Muster unserer Natur?

Der Mensch möchte daran glauben, an die Parallelwelt wie auch an das geheime Kommunikationsvermögen des Tiers. Weil Menschen auch untereinander verdeckt zu kommunizieren verstehen, wie die Künstlerin in einem wunderbar theatralisch anmutenden Porträt fünf halbstarker Jugendlicher zeigt. In fast allen Kulturen findet dieser Wunsch seinen Niederschlag: in Mystifizierungen von Falken und Eulen, Adlern und Geiern. Raben galten dem Menschen des Mittelalters als Todesbote (weil sie sich stets als erste bei den öffentlich zur Schau gestellten Hinrichtungsopfern bedienten). Und in der griechischen Antike sprach man der Eule eine direkte Verbindung zur Göttin der Weisheit, Athene, zu.

Im technisch-wissenschaftlichen Zeitalter wird diese Symbolik zum Kitsch, wenn sie sich nicht der Ironie bedient. Zu oft und zu direkt integriert Wewer solche Motive. Dann werden Hirschgeweihe zu Zeugnissen schamanischer Riten, und Planeten zwischen Kinderhänden zu magischen Objekten. Spuren der Alchemie und Astrologie verbinden sich zu einem mystischen Raunen, die Assoziation zu manchem Wandbehang der Esoterikszene liegt nicht weit.

So lässt sich dieser Ausstellung manche Einsicht in die Ungewissheit unserer Existenzgrundlage abgewinnen. Zugleich aber auch die Erkenntnis, wie schnell die Grenze zwischen Ahnung und Glauben, Frage und Behauptung überschritten ist. Denn wer das Fremde erahnt, will es irgendwann auch erkennen, zumindest aber an eine konkrete Gestalt glauben können. Doch das ist ein fatales Bedürfnis: Gelänge ihm das, wäre das Fremde nämlich gar nicht mehr fremd. Sondern nur noch langweilig.

Bis 6. April im Vorwerk. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr und So. 11-18 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

"Klasse wir singen!" in Wildeshausen

"Klasse wir singen!" in Wildeshausen

Abschlusstag der Waldjugendspiele in Verden

Abschlusstag der Waldjugendspiele in Verden

Höchste Auflösung ohne Aufpreis: Neues Apple TV 4K im Test

Höchste Auflösung ohne Aufpreis: Neues Apple TV 4K im Test

Fußball-Tennis am Donnerstag

Fußball-Tennis am Donnerstag

Meistgelesene Artikel

Der Komplex mit dem Sex

Der Komplex mit dem Sex

Studienzentrum für Künstlerpublikationen zeigt Mail Art

Studienzentrum für Künstlerpublikationen zeigt Mail Art

Stararchitekt Albert Speer junior gestorben

Stararchitekt Albert Speer junior gestorben

„Raw“-Fotofestival: Der Berg als Bühne

„Raw“-Fotofestival: Der Berg als Bühne

Kommentare