Dialog in der Städtischen Galerie

Markus Genesius und Mirko Reisser: Ganz legal

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Markus Genesius (WOW123) und Mirko Reisser (DAIM): Dialog, 2017, Sprühlack und Acrylfarbe auf Wand, 450 x 1500 cm.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Ihre Anfänge hatten sie im Dunklen. Damals, als sie Züge oder Wände mit bunter Farbe bemalten. Als es noch darum ging, sich einen Namen zu machen, indem man selbigen an fremdes Eigentum sprüht und so dem öffentlichen Raum seinen Stempel aufdrückt. Das war ebenso infantil wie illegal – und doch der Beginn einer großen künstlerischen Karriere.

Die Rede ist von WOW123 und DAIM, auch bekannt als Markus Genesius und Mirko Reisser. Beide zählen seit Langem zu den Protagonisten der Urban Art und haben mit Graffiti bereits etliche Gebäude verziert – natürlich als Auftragsarbeiten. Nun kam ein neuer Auftrag hinzu: eine Wand in der Städtischen Galerie zu gestalten und so einen institutionellen Raum mit Kunst im öffentlichen Raum in Zusammenhang zu bringen.

Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit ist die Reihe „Dialog“. Nach Mia Unverzagt bekam mit Markus Genesius zum zweiten Mal ein Bremer Künstler die Gelegenheit, gemeinsam mit einem anderen Kreativen in den Räumen der Städtischen Galerie zu arbeiten. Genesius‘ Wahl fiel dabei auf Mirko Reisser, dessen Graffiti ebenfalls weltweit zu sehen sind.

Eine Zusammenarbeit, die aber nicht erst mit der „Dialog“-Reihe zustande gekommen ist, die beiden kennen sich bereits seit Jahren. Genauergesagt seit sie 16 beziehungsweise 19 Jahre alt waren. Damals sah Genesius in einer Altonaer Graffiti-Ausstellung ein Bild von DAIM, in das dieser seine Telefonnummer eingearbeitet hatte. In einer Zeit ohne Internet die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Und was macht nun ein 16-Jähriger, der einen Sprayer kennenlernen will? Richtig, er ruft einfach die Nummer aus dem Graffito an. Der Beginn einer Zusammenarbeit, die bereits Gegenstand einiger Ausstellungen war, allerdings noch nie in Bremen.

Dass sich beide Künstler, trotz unterschiedlicher Ansätze und Motive, perfekt ergänzen, zeigt sich dabei vor allem in der zentralen Arbeit. „Dialog“ – Nomen est Omen – heißt das Graffito, das sich in 15 Metern Breite und 4,5 Metern Höhe über eine Wand zieht und eindrucksvoll zeigt, dass die künstlerischen Ansätze von Genesius und Reisser durchaus zusammenpassen, mögen sie auf den ersten Blick auch denkbar gegensätzlich sein.

So bilden die in Mirko Reissers Graffiti vorkommenden dreidimensionalen Buchstaben seines Künstlernamens eine Art Mantel. Eine pastellfarbene Umarmung, in der die grellen Farben und Formen aus Markus Genesius‘ Fernsehtestbild fast zum Fremdkörper verkommen. Aber eben nur fast, denn bei genauerem Hinsehen finden sich nicht nur die Farben des einen im Bereich seines Dialogpartners wieder. Auch die Formen wiederholen sich, ziehen sich durch alle Bereiche und schaffen so eine Dreidimensionalität mit ausdrucksstarker Sogkraft. Aber nicht alles, was man an der Wand zu sehen bekommt, ist ein Graffito. Die beiden Künstler haben einzelne Abschnitte nur mit Farbe angestrichen, oder die Fläche gleich ganz weiß gelassen.

Herausgekommen ist so eine eindrucksvolle Arbeit, die zum stundenlangen Verweilen einlädt – und zu einer Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit von Kunst generell. Egal, wie großartig die Besucher „Dialog“ auch finden mögen, die Arbeit wird nirgendwo wieder zu sehen sein. Nach dem Ende der Ausstellung kommen die Maler, ohne Nachsicht. Und obwohl die Erkenntnis der Vergänglichkeit mit Blick auf Graffiti selbstverständlich ist, beschleicht einen dann doch ein flaues Gefühl, wenn man bedenkt, dass die Arbeit von Monaten in einigen Wochen nicht mehr da sein wird. Offenbar sorgt der institutionelle Rahmen der Städtischen Galerie dafür, dass wir Kunst erhalten wollen –  egal, welch ursprünglichen Gedanken sie hatten.

Um dem Besucher auch die Gelegenheit zu geben, die Arbeitsweisen von Genesius und Reisser separat in Augenschein nehmen zu können, gibt es neben der Wandarbeit knapp 30 weitere Werke, darunter Tafelbilder, einen Teppich und ein Objekt. Eine Auswahl, die vor allem die Unterschiede zwischen den Beiden deutlich macht. So konzentriert sich Genesius seit seinem Wechsel zur Leinwand auf das Fernsehtestbild. Jenes Emblem, das früher immer dann zu sehen war, wenn nach Mitternacht das reguläre TV-Programm endete. Statt flimmernder Bilder gab es bis zum nächsten Morgen nur das grelle Testbild. In Zeiten medialer Dauerberieselung kennen vor allem jüngere Zuschauer diese Momente des Innehaltens natürlich nicht mehr – ein Grund mehr, Markus Genesius' Arbeiten zum Anlass zu nehmen, sich Gedanken über eine mediale Auszeit zu machen. Eine Pause, die man dazu nutzen sollte, auch einen Blick auf Mirko Reissers ausdrucksstarke Auseinandersetzung mit seinem Künstlernamen zu werfen. Es lohnt sich.

Die Ausstellung „Dialog“ ist bis noch zum 7. Januar in der Städtischen Galerie zu sehen.

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