Mit „Dort dort“ legt Tommy Orange sein Romandebüt vor

Nie ganz dazugehören

Klischee und Wirklichkeit: Ein Tänzer bei einem Powwow in Duncan, Kanada. Foto: imago stock&people

Syke - Von Rolf Stein. Eine Sache dürfte wohl klar sein, wenn es um Winnetou und die nach ihm benannten Festspiele geht: Dass das, was wir dort vorgeführt bekommen, nicht die historische Lebenswelt der amerikanischen Erstbewohner abbildet, schon gar nicht die ganze. Lassen wir aber einmal für ein paar Absätze die Frage beiseite, ob man deshalb das Bad Segeberger Theater in seiner bekannten Form weiterführen darf, das, wie die Romane von Karl May, ohnehin vor allem etwas über unsere eigenen Sehnsüchte und Moralvorstellungen aussagt.

Fragen wir uns stattdessen, was jenseits unserer Projektionen herauszufinden wäre über das vorkoloniale Amerika mit seinen Hochkulturen, darüber, wie die europäischen Eroberer damit verfuhren und wie die Nachkommen der ersten Amerikaner heute leben. Ein paar Klischees sind da schnell zur Hand, sofern es um das nördliche Amerika geht: Die Nachfahren der ersten Amerikaner leben dort in kargen Reservaten, wo sie zum schwachen Trost Casinos betreiben dürfen und sich aus Frust dem Alkohol ergeben.

Es ist nicht nur vor diesem betrüblichen Hintergrund ein Geschenk, dass der Carl-Hanser-Verlag kürzlich „Dort dort“ von Tommy Orange in einer deutschen Ausgabe veröffentlicht hat. Das für den Pulitzer-Preis nominierte Romandebüt von Orange, der Mitglied der Cheyenne und Arapaho ist, zieht uns nämlich mit erzählerischer Wucht hinein in die Lebenswelt der „Native Americans“. Genauer: in die Lebenswelten.

Aus etwa einem Dutzend Perspektiven nämlich erzählt Orange seine Geschichte. Sie haben verschiedene Geschlechter, sie sind unterschiedlich alt, sie gehören zu vielen Stämmen – und ob sie nicht eigentlich doch weiß sind, wissen sie auch nicht immer so genau. Zumindest nicht so gut wie der Rest der Gesellschaft, der mit seinen Urteilen über sie immer schon fertig ist, wenn sie noch damit hadern.

Tommy Orange ist im kalifornischen Oakland aufgewachsen. Von dem glitzernden San Francisco ist Oakland nur durch die berühmte Bucht getrennt. Aber es ist immer noch eine Stadt, von deren Besuch einem manch einer abrät. Viel zu gefährlich. Allerdings, und auch davon berichtet „Dort dort“, wandelt sich Oakland fast so schnell wie San Francisco, seit in der Region Google, Facebook und andere Tech-Riesen für rasant steigende Mieten sorgen. Was die Marginalisierten immer härter trifft als die meisten anderen. Der Titel dieses Buchs verweist in diesem Sinne auf Gertrude Stein, die auf die Frage, wie es sei, in die Stadt ihrer Kindheit zurückzukehren, sagte: „There is no there there“ – weil schon sie Oakland nicht wiedererkannte.

Dass sie nie ganz dazugehören, bringt die Leben von Oranges Romanpersonal regelmäßig in Schieflagen. Sie handeln mit Drogen, weil es sonst kaum Wege gibt, am gesellschaftlichen Reichtum zu partizipieren. Sie lassen ihre Frustration, ihren Zorn an anderen aus, die noch schwächer sind. Und der Druck auf ihnen ist so groß, dass er sich bisweilen explosiv entlädt – wie hier, beim großen Powwow, das endlich einen positiven Zusammenhang herstellen soll für die Community. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es wird böse enden.

Es ist derweil natürlich keineswegs das erste Mal, dass das Streben nach Sichtbarkeit und Solidarität scheitert. Orange hat „Dort dort“ einen Essay vorangestellt, der unbarmherzig aufzeigt, mit welcher Brutalität Europäer einst die sogenannte Neue Welt in Besitz nahmen. Und „Dort dort“ selbst ruft in Erinnerung, wie von November 1969 bis Juni 1971 die Gefängnisinsel Alcatraz von Indianern besetzt wurde, bis die US-Regierung die Protestaktion gewaltsam beendete.

Lesen

Tommy Orange: Dort dort, Hanser, 288 Seiten, gebunden, 22 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Meistgelesene Artikel

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare