Sido im Pier 2 in Bremen

Der Gangstazwerg

„Hier bin ich wieder.“ Der Berliner Rapper Sido lebt den bürgerlichen Traum. ·
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„Hier bin ich wieder.“ Der Berliner Rapper Sido lebt den bürgerlichen Traum. 

Bremen - Von Felix Gutschmidt. Vor dem Pier 2 in Bremen fließen Tränen. Dutzende Besucher werden von den Türstehern begutachtet und für zu jung befunden. Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nur in Begleitung ihrer Eltern zum Sido-Konzert.

Dass so viele Teenager den Berliner Rapper sehen wollen, überrascht. Schließlich hatte er mit Erscheinen seines aktuellen Albums „30.11.80“ verkündet, jetzt Grown Man Rap zu machen – Hip-Hop für Erwachsene.

Für Sido (Kurzform für super intelligentes Drogenopfer: Paul Würdig hielt das als Heranwachsender offenbar für einen passenden Künstlernamen), dem es lange, vielleicht zu lange genügte, die Rolle des Bürgerschrecks zu spielen – zu Beginn seiner Karriere hatte er sich hinter einer silbernen Totenkopfmaske versteckt –, ist dieser Schritt nur konsequent. Denn der 33-Jährige hat den Plattenbau im Märkischen Viertel längst hinter sich gelassen. Sido lebt den bürgerlichen Traum mit Frau und Kind und einem Haus im Grünen. Gartenzwerg-Idyll statt Gangsta-Rap-Attitüde.

Geblieben ist vom pöbelnden Aggro-Rapper im Pier 2 nur noch das große Ego. Bei einem Einspielfilm lässt er sich zunächst von Moritz Bleibtreu erschießen und kommt in die Hölle. Der Belzebub persönlich (gespielt von Kurt Krömer) schickt ihn zurück nach Bremen, weil dort eine ganze Halle voller Fans auf ihn wartet.

Beim ersten Lied „Hier bin ich wieder“ hat Sido die Bühne ganz für sich alleine. Ungelenk wippt er auf einem Podest hin und her. Rappt: „Ohne mich ist deutscher Hip-Hop nur ein Kinderspielplatz.“ Dann fällt der Vorhang, und eine richtige Band kommt zum Vorschein – keine Selbstverständlichkeit in der Rap-Szene.

Dabei zeugt es von großer Professionalität, dass Sido ein halbes dutzend Musiker für seine Tour verpflichtet hat. Alleine mit seinem Talent und einem DJ, der die Beats vom Band abspielt, wäre es ihm sicher nicht gelungen, die ausverkaufte Halle zu unterhalten.

Mit Schlagzeug und Bass, Gitarre, Synthesizer und Sampler schaffen die Musiker einen Mehrwert für die Fans, die nicht nur altbekanntes und tausend Mal Gehörtes vorgesetzt bekommen. Beim zehn Jahre alten Lied „Fuffies im Club“ zum Beispiel wechselt die Band auf halber Strecke zu einem Beat von Dr. Dre, dem amerikanischen Urvater des Gangsta-Rap. Weitere Anspielungen auf US-Größen wie Dead Prez, Ol‘ Dirty Bastard oder Jay-Z folgen – mit Sido am Klavier. Dabei zeigt er weniger seine Fortschritte als Instrumentalist, sondern bringt die Einfachheit der besten Hip-Hop-Beats zum Ausdruck: Wenige Töne in Endlosschleife garniert mit reichlich Bass und fetten Drums – fertig ist das herrlich dumpfe Geholze.

Dass dieses Jahrzehnte alte Rezept funktioniert, bemerkt auch Sido. „Die Leute wollen mehr Hip-Hop hören und nicht nur diesen Pop-Scheiß“, sagt er mit Blick auf seine aktuellen Titel. Für Puristen sind „Fühl‘ dich frei“ oder „Grenzenlos“ zu hymnisch. „Irgendwo wartet jemand“ ist ihnen zu kitschig. „Encrico“? Zu wenig Hip-Hop. Sido kennt dieses Problem. Er löst es, indem er neue und alte Lieder geschickt ineinander verschachtelt, um zu einem ausgewogenen Gesamtbild zu kommen.

Zum unbestrittenen Höhepunkt des Abends gerät ein Klassiker von 2002: der „Arschficksong“. Aus tausenden Kehlen ertönt das Echo der mehr schlecht als recht gereimten Sex-Fantasien eines 22-Jährigen, gepaart mit dem banalen Refrain: Dadadadadaaadaaa! Sido selbst räumte 2005 im „Stern“ ein, der Text sei eine pure Provokation, „reines Punktertum“. Genau der Stoff also, von dem Jugendkultur lebt.

Zunächst wollen die Texte aus der Masken-Zeit nicht mehr so recht zum geläuterten Rapstar passen. Doch auf den zweiten Blick löst sich dieser scheinbare Widerspruch auf: Wenn Sido heute über die Menschen im Block rappt, glorifiziert er nicht mehr das Leben im Ghetto, sondern verklärt seine Jugend.

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