Galerie der Ungleichen 

Museen Böttcherstraße zeigen Arbeiten von Ruprecht von Kaufmann

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Ruprecht von Kaufmann hat seine Gemälde von Geflüchteten zuerst in der Delegiertenlobby im UN-Hauptquartier gezeigt, ab heute sind sie in den Museen Böttcherstraße zu sehen.

Bremen - Von Jan-paul Koopmann. Von F. werden Sie vielleicht noch hören. Könnte sein, dass er mal Schriftsteller wird. Einen großen Lyrik-Wettbewerb hat er schon gewonnen, in einer Sprache, die ursprünglich gar nicht seine eigene war. Wenn sich sein Vater durchsetzt, wird F. allerdings Wirtschaft studieren, eine Familie gründen – und es vielleicht doch wieder lassen mit der Kunst. F. ist als Geflüchteter nach Deutschland gekommen und noch so jung, dass seine Zukunft zwischen Poesie und BWL nicht ausgemacht ist. Und würde er nicht in Öl gemalt an der Wand des Ludwig Roselius Museums in der Böttcherstraße hängen, wüssten wir ja gar nicht, dass es F. überhaupt gibt.

Ruprecht von Kaufmann hat den jungen Mann und knapp 30 weitere Geflüchtete gemalt. Bevor die Serie mit dem Titel „Inside the Outside“ in die Böttcherstraße kam, hing sie in New York, in der Deligiertenlobby des UN-Hauptquartiers. Die Bremer Station ist sozusagen die Premiere vor der richtig öffentlichen Öffentlichkeit – und gleichzeitig eine extreme Neukontextualisierung. Museumsdirektor Frank Schmidt hat die Gemälde nämlich nicht streng nebeneinander platziert, sondern einige von ihnen in der Sammlung verteilt. So hängen F., R. oder P. nun inmitten der Reichen und Mächtigen, für die ein Ölgemälde aus Meisterhand ein bedeutendes Statusobjekt war.

Von Kaufmann zählt zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen erzählerischen Malerei. Porträts hatte er hingegen kaum gemalt, als er im Jahr 2017 begann, Geflüchtete in sein Atelier einzuladen. Er war neugierig auf die Menschen hinter den großen Zahlen, erzählt er, während die politische Debatte um Einwanderung, Islamisierung und anderer großer Worte eskalierte. Die Idee klingt erstaunlich einfach: Kontakt aufnehmen, Reden, Malen. Das Ergebnis hingegen ist außerordentlich vielschichtig und facettenreich.

Diese Menschen, die Ruprecht von Kaufmann als Geflüchtete gesucht hat, haben nämlich gar nicht so viel miteinander gemein, außer dass sie nun eben alle miteinander Teil dieser Serie „Inside the Outside“ sind.

Selbst die Fluchtgeschichten differenzieren sich in einer Vielfalt aus, die den Sammelbegriff „Flüchtling“ Lügen straft. Da hängen Männer neben Frauen, Alte neben Jungen – Christen zwischen Jesiden und Zoroastriern. Von wegen Islamisierung: Nichteinmal die Hälfte der Menschen, die von Kaufmann getroffen hat, ist überhaupt muslimisch. Zur Eröffnung heute Abend werden zwei der Porträtierten zu Gast sein und ihre Geschichte erzählen.

Die inneren Brüche des gemeinsamen Gegenstands unterstreicht von Kaufmann auch formal: die Perspektive wechselt wie planmäßig von Frontalansichten in verschiedenen Abstufungen bis ins Profil. Kunsthistorisch zitiert er in einem Gemälde die italienische Renaissance, versucht sich im nächsten dann an materialintensiven Verfremdungen, die Gedankenblasen darstellen sollen. Jedes Bild inszeniert so gerade die Besonderheiten der jeweiligen Modelle und Szenen – und kratzt so an den klar gesetzten Rahmenbedingungen der eigenen Serie. Einige Arbeiten bekommen sogar fast figürliche Dimensionen, weil von Kaufmann mit Farbe über den Bildrand hinaus modelliert hat.

Bei seinen Bezügen auf die Kunstgeschichte hat von Kaufmann es allerdings konsequent vermieden, die Kultur der Herkunftsländer seiner Modelle zu imitieren oder überhaupt aufzugreifen. Orientalismus wäre das, sagt er, und besteht auf dem authentischen hiesigen Blick auf die neuen Mitbürger.

So reflektiert die Arbeit aber auch ist: Ruprecht von Kaufmann geht es nicht um Politkunst, sondern um den Kontakt von Mensch zu Mensch. Und dass so etwas angesichts der heute wieder enthemmten Fremdenfeindlichkeit fast wie ein revolutionärer Akt wirkt, ist ja auch tatsächlich kein Problem der Kunst – sondern eines der Gesellschaft.

Zum Ansehen

„Ruprecht von Kaufmann: Inside the Outside. Bis 28. April. Museen Böttcherstraße Bremen.

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