„Betreutes Rocken“ in der Glocke

„Little Big World“: Fury in the Slaughterhouse erfinden sich neu

Fury in the Slaughterhouse spielen – meist sitzend – in lockerer Atmosphäre. Sie nennen das „betreutes Rocken“.

Bremen - Von Marvin Köhnken. Im Jahr 1987 beginnt die Geschichte von Fury in the Slaughterhouse im Jugendzentrum Glocksee, im November 2017 spielen die Musiker im Rahmen einer Akustik-Tour am Mittwoch in der Glocke Bremen. „Aus der Glocke in die Glocke“, fasst Gitarrist Christof Stein-Schneider die Karriere der Gruppe salopp zusammen.

Dass sich die Band eigentlich schon 2008 aufgelöst hat und ihre Mitglieder seitdem vor allem in anderen Projekten aktiv sind: geschenkt. Letztlich zählt, dass die neue Tournee, die Sänger Kai Wingenfelder ausdrücklich nicht als Reunion verstanden wissen will, mehr bietet als das Aufwärmen altbekannter Hits. In zweieinhalb Stunden liefert die Band im fast ausverkauften Konzerthaus die ihren Fans angekündigte Überraschung.

„Es ist eine ehrwürdige Erfahrung, an diesem Ort spielen zu dürfen“, ruft Wingenfelder den Besuchern zu Beginn des Abends zu. Einmal sei er bereits in der Glocke gewesen – mit einem Orchester musizierte er da auf der Bühne. Diesmal also steht ein Akustikkonzert an, und was die Band angemessen selbstironisch als „betreutes Rocken“ bezeichnet, entwickelt sich schnell zu einer angenehm frischen Zeitreise durch das Schaffen und das Werden der Band.

Getragen, gefühlvoll, mitunter sphärisch

Die Musiker spielen ihre wichtigsten Hits und Coverstücke von The Cure und AC/DC in variantenreich arrangierten Versionen – oft getragener, gefühlvoller, mitunter sphärisch („Every Generation“). Umrahmt werden die Songs, die bis auf eine Ausnahme in dieser Form und Reihenfolge auch auf dem jüngsten Album „Little Big World“ erschienen sind, von einem dezenten Bühnenbild und stimmungsvollen Lichteffekten. Dargeboten werden sie gemeinsam mit zwei Gastmusikern auf geschätzt mehr als 20 Instrumenten.

Immer mal wieder erlösen die Musiker ihre Fans aus einer Misere, die der Glocke abseits ihrer eindrucksvollen Akustik zu eigen ist: Sie fordern trotz der Enge zum Aufstehen und Tanzen auf – später klappt das – aller Ehrwürdigkeit des Saals zum Trotz – auch ohne Anweisung. Was der Rockband in Bremen an elektrischer Zugkraft fehlt, macht sie mit spürbarer Spielfreude mehr als wett.

Darum wissend, was sie liefern, richten sich Stein-Schneider und Wingenfelder mit einem Appell an alle, die ehrliche Rockmusik lieben und im Helene-Fischer-Radio-Brei vermissen: So wie Fury vor dreißig Leuten im Bremer Kult-Klub Römer gespielt haben, verdienten es heute Künstler aus der Region, dass viele Leute fünf Euro ausgeben, um deren Konzerte zu besuchen.

Fury in the Slaughterhouse in der Glocke Bremen

Fury in the Slaughterhouse beweisen, dass man auch als Band, die seit fast einem Jahrzehnt gar nicht mehr existiert, in neue Höhen aufbrechen kann. Anstatt sich auf ihren Songs auszuruhen, erfinden sich die Künstler mit „Little Big World“ ein Stück weit neu.

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