Fulminante Rückkehr: „La Dame Blanche“ in Oldenburg

Ein Fall für Trippel

Wer hat Angst vor der „Weißen Dame“? Die Dorfbewohner vielleicht, George Brown (Nicola Amodio) jedenfalls nicht.
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Wer hat Angst vor der „Weißen Dame“? Die Dorfbewohner vielleicht, George Brown (Nicola Amodio) jedenfalls nicht.

Oldenburg - Von Mareike Bannasch. Eben noch war er quicklebendig, finster und voller Rachegedanken. Tja, das war einmal. Nun ist er mausetot, der fiese Verwalter im Schottenrock. Um die Ecke gebracht von einem noch namenlosen Mörder. Aber wer war‘s denn nun?

Gute Frage, ein Motiv haben sie eigentlich alle: der Schlossgeist, der keiner ist, der Soldat ohne Gedächtnis, der eigentlich auch ein ganz anderer ist, die verwirrte alte Kinderfrau, die noch immer auf ihren schon lange verschollenen Schützling wartet, und auch die russische Schwarze Witwe auf der Suche nach Ehemann Nummer sieben hätte eigentlich allen Grund gehabt, Hand an den Schlossverwalter Gaveston zu legen.

Kein einfacher Fall, dieser Mord in den nebelumwobenden schottischen Highlands. Also genau die richtige Aufgabe für Kriminalhauptkommissarin Trippel und ihren jugendlichen Assistenten Dröge. Zwei Star-Ermittler, die ihresgleichen suchen und den Mörder natürlich zur Strecke bringen.

Doch bis dahin gilt es für die beiden, noch viel Licht in die so verworrene wie haarsträubende Handlung einer mittlerweile fast gänzlich vergessenen Oper zu bringen: „La Dame Blanche“. Bei ihrer Uraufführung im Jahre 1825 von Publikum und Kritikern frenetisch gefeiert, wurde die Geschichte von der „Weißen Dame“, die in einem alten Schloss spukt, ein Gassenhauer des neunzehnten Jahrhunderts – eine nach ihr benannte Omnibuslinie inklusive. Doch dieser Glanz liegt schon lange zurück, heute steht der größte Triumph von François-Adrien Boieldieu nur noch selten auf dem Spielplan der Opernhäuser. Zu Unrecht, wie die fabelhafte Inszenierung am Oldenburgischen Staatstheater mehr als deutlich beweist.

Um die gelinde gesagt verworrene Handlung verständlich zu machen und zugleich vom antiquierten Romantikkitsch der Schauergeschichten Sir Walter Scotts zu befreien, installiert Regisseurin Nadja Loschky die Rollen der Ermittler Trippel und Dröge. Als deutschsprechender Kontrapunkt zur französischen Oper übernehmen die beiden vor einer Wand aus Polizeifotos (Bühne: Daniela Keck) die Rolle der Erzähler. Allerdings halten sie sich nicht damit auf, nur am Rand zu stehen und zu beobachten. Ganz im Gegenteil: Zwischen Raum und Zeit springend verbinden sie ihre Ermittlungen mit der Schauergeschichte, greifen auch schon mal aktiv in das Geschehen ein – und bedienen nebenbei so ziemlich jedes Tatort-Klischee.

Herrlich, wie Karla Trippel als burschikose Kommissarin im beigefarbenen Trenchcoat ihren Assistenten an der kurzen Leine hält, die Handlung vorantreibt und quasi im Vorbeigehen den Verdächtigen zusetzt. Da wird knallhart nachgefragt, bis auch der härteste Kerl in Tränen ausbricht.

Und von denen gibt so einige in diesem Gespenstermärchen. Allen voran George Brown, seines Zeichens englischer Offizier, zumindest im Moment. Denn eigentlich ist er Julius von Avenel, Erbe eines altehrwürdigen Adelsgeschlechts und rechtmäßiger Besitzer eines abgewrackten Schlosses in den schottischen Bergen. Dumm nur, dass er das alles vergessen hat.

Nicola Amodio verkörpert mit einem effektvoll akzentuierten Tenor einen Offizier, der sich mit stolzgeschwellter Brust im Ruhm des Kriegsgewinns suhlt und nach dem vermeindlich sicheren Halt von Uniform und Kampfgesang greift. Ein echter Kerl – zumindest, bis es dunkel wird. Denn dann kommen sie zurück, die verdrängten Schatten in Uniform und Gasmaske, und mit ihnen auch die Angst. Eine tiefsitzende Furcht, die jeden Mann auf der Bühne quält, egal wie hochdekoriert die Uniform auch ist: Soldatsein lohnt sich offenbar wirklich nicht, zumindest nicht im Ersten Weltkrieg. Der ersten großen europäischen Tragödie, die diese Inszenierung im Vorbeigehen ebenfalls thematisiert.

Das ist aber nur einer von zahlreichen inhaltlichen Kniffen, mit denen Nadja Loschkys „Weiße Dame“ punktet. Genauso wie mit einer durchweg hervorragenden Leistung des Ensembles, allen voran Valda Wilson. Mit glockenhellem Sopran verkörpert sie das Mündel Anna und zeitgleich auch das nicht ganz so gruselige Haus- und Hofgespenst von Schloss Avenel. Begleitet von der Harfe, dem Erkennungszeichen der geheimnisvollen Dame, rüstet sie sich für den Kampf gegen den zwielichtigen Verwalter Gaveston (so boshaft verschlagen, dass ihm wirklich niemand eine Träne nachweint: Tomasz Wija) und findet – welch Überraschung – im Soldaten/verschollenen Erben auch noch den Mann ihrer Träume.

Es gibt also auch in den schaurigen Highlands ein Happy End, für das die Musik Gerüst und Motor zugleich ist. Unter der Leitung von Vito Cristófaro kreiert das Oldenburgische Staatsorchester zwischen Folklore und lyrischen Stücken drei Stunden beschwingte Leichtigkeit, mit einer großen Nähe zum Belcanto, die sich vor allem in den Gesangspartien überdeutlich manifestiert. Kein Wunder, dass diese Musik fast ein Jahrhundert lang die Massen begeisterte. Ruhige Zwischentöne sind fast gar nicht zu finden, nur dann und wann klingen sie kurz an, um schnell wieder Platz zu machen für Lebensfreude und Humor.

So auch in der finalen Szene, dem Moment der Wahrheit. Denn schließlich gilt es immer noch, einen Mörder zu fangen, Happy End hin oder her. Wer‘s war? Nun ja, das soll an dieser Stelle, natürlich der Spannung zuliebe, ein Geheimnis bleiben. Nur so viel: Auch genaue Polizeiarbeit führt nicht immer zum erwarteten Ergebnis. Besonders dann nicht, wenn dank einer bitterbösen Überraschung aus einer Leiche plötzlich derer drei werden – während das Orchester mit aller Kraft die Lebensfreude feiert.

Weitere Vorstellungen: 28. Mai, 4., 13., 20.und 30. Juni sowie 5. und 10. Juli, jeweils um 19.30 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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