Kunsthalle Bremen zeigt Werke von Andreas Slominski

Fürs Heizen ohne Säge

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Andreas Slominski: „Schmetterlingsfalle“, 1998 ·

Bremen - Von Johannes BruggaierMan kennt das: Künstler findet alte Kloschüssel, saut sie zusätzlich noch ein bisschen ein und trägt sie in die nächste Galerie. Ein Sanitärprodukt im Kunstkontext, Appell zur Hinterfragung tradierter Sehgewohnheiten und natürlich auch Akt der Provokation. Auf diese Weise, so stellt Sabine Maria Schmidt gleich zu Beginn ihrer Führung durch die Ausstellung klar, dürfte man Andreas Slominski auf gar keinen Fall interpretieren.

„Das hier ist keine Konzeptkunst und schon gar kein Ready-Made“, sagt die Kuratorin der Kunsthalle Bremen: „Slominski konstruiert seine Werke selbst. Und wie sie konstruiert sind, so darf man sie auch verstehen.“

Eigenartig: Das ausdrückliche Versprechen, gleich werde man ganz gewiss keine Konzeptkunst sehen, hat zur Folge, dass man nichts anderes als Konzeptkunst erwartet. Und so zeigt sich in der Bremer Schau gleich als Erstes ein wunderbar konzeptueller Blechofen auf einem Dreibein. Brennholz liegt schon bereit, wenngleich es sich statt der üblichen dicken Scheite bloß um ein paar dürre verzweigte Äste handelt. Genau darin aber liegt nun die Erklärung für Schmidts Aufforderung, die Dinge so zu verstehen, wie sie konstruiert sind. Denn der Ofen – mit Blick aufs Geäst fällt das überhaupt erst auf – ist von seltsamer Gestalt, fast als lasse er sich je nach Bedarf auch als Wünschelrute verwenden. Und darum geht es: um eine Verbrennungsmöglichkeit für Astgabeln. Die passen nämlich exakt in die Ofenform.

Dass solch sperriges Holz auch in konventionelle Öfen passt, sofern sich nur im Haushalt eine Säge findet: Dieses Argument zählt natürlich nicht. Denn in dem Widersinnigen ist sie ja gerade zu vermuten, die kritische Reflexion. So lässt sich also über Sinn und Unsinn technischer Produktion streiten, vielleicht auch über naive Ehrfurcht vor der Natur. Freilich ohne dass sich darin erstaunliche Erkenntnisse ankündigen.

Nebenan liegt ein zusammengeklappter Zollstock auf dem Podest. Man könnte ihn für das Relikt einer Sanierungsmaßnahme im Ausstellungsgebäude halten, zumal sich gegen die Wand auch noch ein altes Verpackungsrohr lehnt. Einem Stempel vom Paketdienst ist zu entnehmen: Dieses Rohr war schon mal unterwegs. Womit man auch schon ganz nah dran ist an der Lösung des Rätsels. Denn was da einst verschickt worden ist, das kann nur der Zollstock gewesen sein: ausgezogen zu voller Länge, wie man ihn ja auch in den meisten Fällen braucht.

Slominskis Kunst spielt mit Funktionalität und Erwartungshaltungen. Es ist ein Spiel, das seinem Betrachter regelmäßig eine krachend komische Pointe verspricht, die letztlich aber über Öfen für Astgabeln oder umständlich verschickte Zollstöcke nur selten hinaus geht. Im ungünstigsten Fall versandet sie gar als unbefriedigend lauwarmes Witzchen: etwa dann, wenn zwei unscheinbare Kleiderhaken in Gesichtshöhe als „Nasenhalter“ für das erheiternde Aha-Erlebnis sorgen sollen.

Da bieten Slominskis Fallenkonstruktionen noch den ergiebigsten Assoziationsraum. Ein Flachbau aus Gittern verspricht das zuverlässige Einfangen von streunenden Katzen. Angelockt von Baldrian zwängen sich die Tiere durch einen schmalen Gang, stoßen eine dahinter befindliche Klapptür auf – und sind schon eingeschlossen. Öffnen nämlich lässt sich das gute Stück nicht mehr. Mit ein wenig gutem Willen lässt sich darin ein Grundprinzip jeder Auseinandersetzung mit Kunst erkennen. Denn begibt sich nicht auch der von ästhetischen Reizen angezogene Rezipient in die Falle des Künstlers? Insofern, als der Weg zurück in den Zustand vor der erlangten Erkenntnis versperrt ist?

Möglich geworden ist die Bremer Ausstellung durch die Leihgaben von Manfred Holtfrerich: langjähriger Sammler von Werken Andreas Slominskis und selbst Künstler. Dieser Sammlungs charakter, der ganzheitliche Blick auf das Schaffen des Hamburger Künstlers hat in der Kuration seine Spuren hinterlassen. Er zeigt sich in einer Dramaturgie, die von den Elementen Feuer und Wasser über das Einfangen von Leben bis zur Darstellung von Tod reicht. Das ist konzeptionell geschickt gesetzt. Dem einzelnen Exponat vermag aber auch dieser thematische Brückenschlag keine fasslichere Relevanz zu verleihen.

Bis 27. April in der Kunsthalle Bremen, Am Wall 207. Öffnungszeiten: Di. 10-21 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr.

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