Fühlst du zu stark, bist du zu schwach: „Die Marquise von O….“ in Oldenburg

Antrag auf Liebe vorerst abgelehnt

Liebe ist reine Verhandlungssache – zumindest zwischen der Marquise (Franziska Werner) und dem heldenmütigen Grafen (Yassin Trabelsi).
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Liebe ist reine Verhandlungssache – zumindest zwischen der Marquise (Franziska Werner) und dem heldenmütigen Grafen (Yassin Trabelsi).

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Und diese Frau, wissend lächelnd wie eine Sphinx, kühl die Bühne durchschreitend wie ein Automat, diese Frau also soll das Opfer einer Vergewaltigung sein? Gewaltsam misshandelt, ausgerechnet vom feschen Grafen F., der ihr doch eben noch als Retter erschien?

Völlig unbemerkt, weil diese in jeder Faser so selbstkontrollierte Dame angeblich einem Ohnmachtsanfall erlegen war? Nein, das glauben wir nicht. Nicht hier, am Oldenburgischen Staatstheater, wo das Regieduo „polasek&grau“ Heinrich von Kleists Novelle „Marquise von O….“ auf die Bühne bringt.

Regisseurin Jana Polasek zeigt die Zitadelle, in der sich diese Ungeheuerlichkeit zugetragen haben soll, als luftiges Wohnhaus aus schwarzem Tuch (Bühne: Stefanie Grau), ein Gebäude, das niemanden darüber im Unklaren lässt, was hinter seinen transparenten Textilwänden geschieht. So lässt sich nicht die geringste Spur von Gewalt ausmachen, wenn der heldenmütige Graf (Yassin Trabelsi) die zarte Marquise (Franziska Werner) auf Händen in ihre Gemächer trägt. Und als diese später auf ihrer Schaukel wippend über Unwohlsein klagt, gar, als ob sie sich in „gesegneten Leibesumständen“ befände, da zeigt sich kein Anschein von Verwunderung oder Besorgnis in ihrer Miene. Es wäre ihr daher ein Leichtes, dem Heiratsantrag des Grafen zu entsprechen: Die außereheliche Affäre bekäme eine nachträgliche Legitimation, statt eines Lebens in öffentlicher Schande dürfte sie sich fortan mit dem Grafentitel schmücken. Doch so denkt man nicht im Hause von O., nicht die Marquise und schon gar nicht ihre Eltern.

Gefühle gelten als Schwäche in dieser Familie. Statt liebevoller Umarmungen gibt es gestelzte Vorträge, und wo andere auf ihre Empfindungen hören, beruft man sich hier auf Prinzipien. Die Welt besteht aus gut und böse, richtig und falsch, schwarz und weiß. Dazwischen existiert nichts, auch nicht die Sexualität, die in Wahrheit bloß ein Machtspiel ist. Als solches hat die Marquise sie nämlich schon früh kennengelernt: Am sexuellen Missbrauch durch ihren Vater (Matthias Kleinert) lässt die Textvorlage wie auch diese Inszenierung keinen Zweifel.

So ist, was dem Grafen als Liebe gilt, für die Marquise eine Spielart des Krieges. Sie führt diesen Krieg mit ihren eigenen Mitteln: Den Brautwerber gilt es hinzuhalten, bis die Früchte dieser Affäre ihn zur Abbitte zwingt. Erst wenn er sich zur Sünde der Verführung öffentlich bekennen muss, wenn er die Ehe nicht aus freiem Willen, sondern aus gesellschaftlicher Notwendigkeit zu schließen hat, erst dann ist für die Braut dieser Krieg gewonnen.

Kühl und auf Prinzipien verweisend, richtet sie den liebestollen Stürmer und Dränger sukzessive zu Grunde. Hochzeit? Tut ihr leid, aber sie habe einmal die ganz grundsätzliche Entscheidung getroffen, auf keine „Vermählung einzugehen“. Zwar sei es nicht ganz „unmöglich“, dass ihr „Entschluss“ eine „Abänderung erleide“, doch dies benötige selbstredend eine Bearbeitungsfrist von einigen Wochen: Mit ähnlich herzlichen Worten wimmeln Behörden Anträge auf Steuerermäßigung ab.

Kaum ist der Galan kaltgestellt, wird mittels einer Zeitungsannonce erst einmal die Öffentlichkeit über den Beischlaf informiert. Die tugendhafte Marquise von O.: Ganz plötzlich habe sie mit Entsetzen feststellen müssen, dass sie – huch? – „ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen“ sei. Natürlich sei sie bereit, dem Sünder zu vergeben, aber bitte nur, wenn er in tiefster Demut angekrochen kommt. Und als der Graf dann also tatsächlich zum zweiten und dritten Mal erscheint, sich zerknirscht in den Staub wirft und um Vergebung bittet, da hat er sich gefälligst so lange vom Ehebett fernzuhalten, bis er auch noch seinen gesamten Besitz mittels schriftlicher Erklärung auf die Gattin überträgt.

Wunderbar ist, wie diese Inszenierung Kleists verschachtelte Sprachmonster als Fassade für die skrupellosen Egoismen in diesem Sozialgefüge kenntlich macht. Im Gebirge aus Konjunktiven und indirekten Reden muss sich jeder klare Gedanke und jedes reine Gefühl hoffnungslos verirren: Liebe wird darin so lange durchdekliniert, bis auch die zarteste Empfindung zur bloßen Verhandlungssache geworden ist.

Yassin Trabelsi lässt den armen Grafen F. mit staunenden Augen diesen Mechanismus erkunden, blind vor Liebe vermag er bis zum Schluss nicht zu erkennen, in welches Spiel er da geraten ist. Matthias Kleinert und Caroline Nagel geben ein Elternpaar, das jeden Winkelzug dieses Spiels routiniert auszuführen versteht. Und Franziska Werner beeindruckt mit einer beklemmend automatenhaften Marquise, die das strategische Gebaren ihrer Eltern schon ganz aufgesogen hat – die aber dennoch in manchen Momenten eine Sehnsucht nach Gefühlen offenbart. Dann machen ihre Hände tatsächlich Anstalten zu Umarmungen oder jedenfalls Berührungen, auch wenn die irritierte Mutter dies selbstverständlich brüsk abwehrt.

Es ist ein Sieg auf ganzer Linie für die kalte Machtpolitik, ein Triumph der Taktierer und Prinzipienreiter. Also alles gut für die frisch gebackene Mutter, Marquise und Gräfin? Nicht ganz. „Ich bin betrübt“, lässt Polasek ihre Heldin – abweichend von Kleists Textvorlage – am Ende leise flüstern: Geld und Macht lassen sich mit Taktieren verdienen. Glück nicht.

Weitere Vorstellungen: 23., 25. und 20. September, 20 Uhr, Oldenburgisches Staatstheater.

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