Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya überzeugt in Hannover mit Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1

Frühe Aussicht auf den Frühling

Anna Vinnitskaya

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Ohne Glanz und Glamour ist heutzutage auch in der Klassik kein Blumentopf mehr zu gewinnen? Offensichtlicher Unfug: Ein Konzert muss nicht super spektakulär daherkommen, um groß zu werden. Das bewies die „Tschaikowsky-Gala“ im Kuppelsaal vor rund 1 900 Besuchern – zumindest im ersten Teil.

Den bestritt das „Tschaikowsky Symphonieorchester Moskau“ zusammen mit der Solistin Anna Vinnitskaya, und diese Pianistin bestätigte den hervorragenden Eindruck, den sie vor zwei Jahren mit einem Soloabend im Kleinen NDR-Sendesaal hinterlassen hatte. Ihr Spiel bei Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert wirkte bestechend ausgewogen, sensibel und facettenreich. Das klang durchdacht und emotional zugleich, dabei völlig unaffektiert. Jede Phrasierung hatte ihren Sinn, kleine Nuancen wurden klar herausgearbeitet, und die mächtigen Akkordkaskaden in dieser Komposition kamen kraftvoll, aber weder angestrengt noch pathetisch über die Rampe. Wo die Russin mit ihren 27 Jahren diese Reife hernimmt, bleibt ihr Geheimnis – verständlich jedenfalls, dass sie 2009 in Hamburg bereits eine Professur erhalten hat.

Da auch Vladimir Fedoseyev auf dem Pult wusste, was er wollte, ohne den Showman herauszukehren, durfte man sich ganz auf das Zuhören konzentrieren. Zwar waren zwischen Orchester und Solistin zu Beginn ein paar Ein- und Abstimmungsschwierigkeiten zu bemerken, und der Schluss des zweiten Satzes geriet etwas bröselig, den Gesamteindruck konnte das indes kaum trüben. Als Zugabe machte Vinnitskaya mit Tschaikowskys „April“ aus den „Jahreszeiten“ schon mal ein bisschen Hoffnung auf den Frühling. Apropos Hoffnung: In nicht gar zu ferner Zukunft wird die Pianistin beruflich etwas kürzer treten müssen – ihr Babybauch war unübersehbar.

Im zweiten Konzertteil hatte das Orchester die Bühne für sich, und nun waltete vornehmlich die Routine. Fedoseyev gelang es nicht wirklich, der „Nussknacker“-Suite originelle oder packende Facetten zu entlocken, selbst wenn er die Sätze umstellte und etwa den „Blumenwalzer“ nach vorne zog. Der Orchesterklang blieb schön rund, doch so inspiriert wie der streckenweise hypnotische „Arabische Tanz“ wirkte nun nicht mehr viel. Und auch die (ohnehin nur halbherzig geforderten) Zugaben schmeckten einigermaßen nach Pflichtübung.

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