Hannoversches Staatsschauspiel zeigt Milo Raus „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“

Fruchtbare Fragezeichen

Eingeweißte Grenzüberschreitung: Anja Herden in der hannoverschen Aufführung. Foto: Alexi Pelekanos

Hannover - Von Jörg Worat. Blackfacing? Beim hannoverschen Staatsschauspiel ist neuerdings Whitefacing angesagt. In einem Projekt, das auch ansonsten aus dem Rahmen fällt: „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ von Milo Rau im Ballhof Zwei ist in mehrfacher Hinsicht ein irritierender Abend. Es handelt sich um eine Übernahme vom Volkstheater Wien, die im hannoverschen Repertoire verbleibt – dieses Prinzip wird die neue Intendanz auch auf einige weitere Inszenierungen mit frisch in die niedersächsische Landeshauptstadt gewechselten Ensemblemitgliedern anwenden.

In diesem Fall bestreitet Anja Herden den Abend, allein, jedoch in zwei verschiedenen Rollen. Zu Beginn sehen wir sie per Videoeinspielung auf der Leinwand als Consolate Sipérius, die aus Burundi stammt, die Ermordung ihrer Eltern mitansehen musste, später von einem deutschen Paar adoptiert wurde und als Schauspielerin arbeitet. Eine Frau dieses Namens gibt es tatsächlich: Sie bestritt 2015 die Uraufführung an der Berliner Schaubühne zusammen mit Ursina Lardi, und zumindest Teile aus beider Biografien hat Milo Rau, von der Presse schon mal als „Champion des Dokumentartheaters“ tituliert, in seinen Text übernommen.

Gar zu lange kommt die Video-Sipérius nicht zu Wort, denn bald erscheint Herden leibhaftig und berichtet ausführlich von ihren Erfahrungen als Entwicklungshelferin in Afrika – es hat sicherlich Symbolcharakter, dass die schwarze Frau, die eingeblendet bleibt, bis auf Weiteres schweigen muss, solange die weiße redet. In diesem Fall allerdings die geweißte: Für ihren Part wird Anja Herden, Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, mit großem Aufwand auf hellhäutig geschminkt.

In charmantem Plauderton reflektiert sie zunächst die Situation des theaterspezifischen Hier und Jetzt, driftet nach und nach in die Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda, bis ihre Schilderungen die Grenze zur Unerträglichkeit streifen und schließlich überschreiten. Das anfänglich immer wieder aufblitzende Übersprungs-Lächeln ist nun verschwunden.

Herden spricht, als würden ihr die Sätze gerade erst einfallen, verhaspelt sich gekonnt und bezieht völlig hemmungslos die Souffleuse ins Spiel ein. Wie spricht sich dieser schwierige Name noch mal aus? Ist das jetzt die richtige Dia-Projektion? Ach ja, und den nächsten Textblock würde die Darstellerin lieber auslassen.

Die Arbeit für eine sogenannte NGO, also eine Nichtregierungsorganisation, ist ja prinzipiell eine ehrenhafte Sache, gleichwohl wirkt die Figur nicht durchweg sympathisch. Wenn man ihr auch zuweilen echte Erschütterung abnimmt, ist sie doch mal naiv, mal überheblich angelegt, sinniert im unpassendsten Moment über Beethoven-Musik oder sehnt sich nach ihrer Yoga-Matte.

Ganz am Schluss gibt es wieder einen Umschwung der Perspektive: Sipérius/Herden wechselt von der zwei- in die dreidimensionale Welt und zitiert in voller Körpergröße ausgerechnet die Rachefantasie aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, in dramaturgischer Hinsicht paradoxerweise eher eine Antiklimax.

Das Hauptproblem des Abends liegt jedoch woanders, ein Problem, das auch Regisseur Alexandru Weinberger-Bara nicht wirklich in den Griff gekriegt hat, vielleicht gar nicht kriegen konnte: Der Text wütet gegen alles, erfasst nicht nur die verübten Gräueltaten, sondern auch das Gutmenschentum und das Theater, das sich ja häufig aus der Beschäftigung mit dem Elend speist. Natürlich ist solche Kritik nicht unberechtigt, allerdings wird unter dem Strich aus dem Stück ein großer Kahlschlag, der auch die NGO-Aktivitäten grundsätzlich infrage zu stellen scheint und damit womöglich übers Ziel hinausschießt.

Ein paar Fragezeichen hinterlässt der Abend also schon. Wobei Fragezeichen gewiss auch fruchtbar sein können, etwa wenn sie sich darauf beziehen, was eigentlich im hier gegebenen Zusammenhang „gutes Theater“ bedeutet: Klar spielt Anja Herden im intimen Rahmen des Ballhof Zwei ganz nah am Publikum faszinierend intensiv und reaktionsschnell, aber es hat seine Gründe, dass ein Besucher beim Schlussapplaus seine Jubeljuchzer sehr schnell abbricht – diese Art des Beifalls scheint hier in der Tat unangebracht. Und darüber nachzudenken, ist allein schon eine lohnende Angelegenheit.

Sehen

Die nächsten Vorstellungen sind morgen, am 30. November sowie am 7. und 28. Dezember jeweils ab 19.30 Uhr, zu sehen.

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