Mark Twains „Geheime Autobiographie“

„Friendly Fire“ eines bekennenden Menschenfeindes

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Jörg Worat. „So frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief“: Das wollte Mark Twain beim Verfassen seiner Autobiographie sein. Deshalb verfügte er, dass diese Schriften erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden sollten. In den USA entpuppten sie sich schnell als Bestseller, nun ist eine zweibändige Ausgabe in deutscher Sprache herausgekommen.

Genau genommen, ist hier keineswegs alles gänzlich neu. Denn schon mehrfach sind trotz Twains Vorgabe Teile davon erschienen, wenngleich nicht unbedingt in der Form, die dem Autor vorgeschwebt hat. Da wurde weggelassen, umgestellt, geordnet – von daher verständliche Ansätze, als Twain selbst sich weder in thematischer noch in chronologischer Hinsicht festlegen mochte. Munter geht’s durcheinander, und dass der Autor seine Gedanken lieber diktierte als aufschrieb, unterstützt diese Sprunghaftigkeit noch. Die neue Ausgabe trägt diesem Ansatz Rechnung, und wenn das jetzt danach klingen sollte, als könne man sie an jeder beliebigen Stelle aufschlagen: ja, im Prinzip ist es so.

Und dann mag man sich bezaubern lassen von den Ausführungen des Autors, der 1835 als Samuel Langhorne Clemens in Florida, Missouri geboren wurde und in der Kleinstadt Hannibal aufwuchs. Bissiges, Bizarres, Besinnliches gibt es hier zuhauf, weniger wirklich Enthüllendes: „Dieses Buch ist kein Rachefeldzug“, heißt es schon im Vorwort. Das heißt allerdings keineswegs, dass sich der Autor nicht empören könnte. Was er von Geldgier oder Heuchelei hält, wird sehr deutlich. Gleich seitenweise ätzt Twain über das Massaker, das amerikanische Truppen im März 1906 an einer Gruppe Moros auf den Philippinen begingen: „Der Feind zählte 600 Personen – einschließlich Frauen und Kindern – und wir vernichteten ihn vollständig und ließen nicht einmal ein Baby am Leben, das nach seiner toten Mutter hätte schreien können.“

Twain spricht von „christlichen Schlächtern“ und „uniformierten Meuchelmördern“, kann sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Präsident Roosevelts Telegramm, in dem von einer „großartigen Heldentat“ die Rede ist, findet er hochpeinlich und untersucht sogar akribisch Details über die Verwundungen der vermeintlichen Helden: „Und somit ist historisch verbürgt, dass der einzige unserer Offiziere, der eine für Werbezwecke taugliche Wunde davontrug, sie von unserer Hand, nicht von der des Feindes empfing.“ Heute würde man das „friendly fire“ nennen.

Twain ist schon so etwas wie ein bekennender Misanthrop („All das Gerede über Toleranz, wo und wann auch immer, ist schlichtweg eine sanfte Lüge. Es gibt sie nicht.“), hat aber auch seine weiche Seite, die wohl am deutlichsten wird bei den anrührenden Absätzen über den frühen Tod seiner Tochter Susy. Die hatte übrigens schon mit 13 eine Biographie über den Vater geschrieben, aus der Mark Twain reichhaltig zitiert: „Papa hat den Verstand eines Autors und versteht oft die einfachsten Dinge nicht“, schreibt sie etwa und schildert, wie der berühmte Vater sich im Umgang mit einer Alarmanlage ziemlich dusselig anstellt.

Nicht alle Themen werden naturgemäß bei jedem gleichermaßen Interesse wecken, manchmal wird es doch ein wenig geschwätzig. Die Übersetzung von Hans-Christian Oeser ist gelungen und manchmal großartig. Der Hauptband kommt in Leinen daher, dazu gibt es ein fast 400 Seiten starkes Paperback mit Hintergründen und Zusätzen. Und all das ist offenbar noch nicht der Weisheit letzter Schluss: Es soll Material für zwei weitere Bände der Autobiographie existieren – wann und wie die erscheinen könnten, steht allerdings noch in den Sternen.

Mark Twain – Meine geheime Autobiographie. Berlin, Aufbau Verlag. 2 Bände, zusammen 1129 Seiten. 59,90 Euro.

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