Christian von Götz verlegt Rossinis „Barbier von Sevilla“ in die Hippie-Ära

Friede, Freude, Einehe

Freude an Freiräumen: Das Stadttheater Bremerhaven feiert mit Gioachino Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ die Macht der Liebe.
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Freude an Freiräumen: Das Stadttheater Bremerhaven feiert mit Gioachino Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ die Macht der Liebe.

Bremerhaven - Von Andreas Schnell. Das hätte wirklich böse in die Schlaghose gehen können: Schrille Klischeefummel, chargierende Opernsänger, und was nicht passt wird passend gemacht. Rossinis „Barbier von Sevilla“ als Hippie-Spektakel? Aber es ging. Sogar sehr gut!

In einem kurzen Prolog stellt Regisseur Christian von Götz das Setting vor: Es ist das Jahr 1968, Rossinis Todestag jährt sich zum hundertsten Mal, und eine Gruppe junger Leute feiert das mit einer Stegreif-Aufführung seines größten Erfolges: „Der Barbier von Sevilla“, der „größte Opernkracher aller Zeiten“ als Feier der befreienden Macht der Liebe.

Die Oper selbst lässt von Götz dabei im wesentlichen wie sie ist, befreit sie dabei aber von allem Inszenierungsballast. Statt italienischer Marktplatzkulisse gibt es hier lediglich ein paar naiv-grell bemalte Vorhänge, die je nach Bedarf aufgezogen werden. Und natürlich eine seinem Grundgedanken entsprechende Kostümierung, die in ihrer einigermaßen gnadenlosen Überzogenheit klarstellt. Hier geht es nicht um intellektuelle Überfrachtung, sondern um die Feier Rossinis auch als großen Humoristen, der seine Protagonisten auch mal singen lässt: „Wir haben eine Leiter und wir haben auch Humor.“

Allein mit der freien Liebe, im Prolog annonciert, sieht es dann doch nicht so hippiesk aus: Die Befreiung läuft auch bei Christian von Götz auf die klassisch-bürgerliche, einvernehmliche Ehe hinaus. Befreit ist sie immerhin im Unterschied zur arrangierten Verbindung, die notfalls auch gegen den Willen der Beteiligten stattfindet.

Im „Barbier von Sevilla“ soll bekanntlich Rosina, das Mündel des Doktors Bartolo, auch dessen Frau werden. Graf Almaviva kommt ihm dabei allerdings in die Quere, eingekauft hat er sich dafür den durchtriebenen Figaro, der nicht nur für Haarschnitte zuständig ist, sondern die Bevölkerung auch mit allerlei Muntermachern versorgt. Marcellina beispielsweise, die Haushälterin Bartolos legt sich eine Linie weißen Pulvers auf die Brüstung des Orchestergrabens – und zieht sich sich genüsslich in die Nase.

Und sie hat’s ja auch nicht leicht: Kein Mann ist hinter ihr her, alles wollen nur Rosina. Die hat sich auch in Almaviva verliebt, und am Ende dürfen beide Hochzeit feiern, und Marcellina bekommt doch noch einen ab: Bartolo, der sich schnell in seine Niederlage findet. Am Ende herrschen „gioia e pace“ – Freude und Friede.

Das Ensemble entwickelte nach einigem Fremdeln sichtlich Freude an den Freiräumen, die von Götz’ Inszenierungsidee bietet. Mit enormer Spiellust agierten die Sänger ihre Figuren aus, und auch musikalisch herrschte schließlich „goia e pace“: Vor allem Filippo Bettoschi glänzte als Barbier. Uwe Schenker-Primus gab seinen übertölpelten Bartolo mit kraftvollem Bass, Svetlana Smolentseva als Rosina hüpfte wie ein Wirbelwind über die Bühne und sang ihre Partie mit erfrischender Energie. Franziska Krötenheerdt als Marcellina überzeugte in ihrer eher kleinen Rolle. Einzig James Elliot als Graf Almaviva schien stimmlich nicht immer auf der Höhe, machte das allerdings mit Spielwitz wett und sang sogar im Handstand.

Stefan Veselka führte das Städtische Orchester Bremerhaven mit Esprit durch den Abend, der Herrenchor des Stadttheaters ließ sich von der allgemeinen Spielfreude anstecken. Am Ende gab es großen Beifall, auch wenn nach der Pause einige Plätze leer geblieben waren.

Kommende Vorstellungen: am 8., 13. und 30. November um 19.30 Uhr, am 10. November um 15 Uhr im Stadttheater Bremerhaven.

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