Nachruf auf den Bremer Künstler Claus Haensel

Freude an der Übertreibung

Meist figürlich: Claus Haensels Zeichnung „Kopf und Hände“ (1982).
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Meist figürlich: Claus Haensels Zeichnung „Kopf und Hände“ (1982).
  • Radek Krolczyk
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Bremen – Es ist ganz unverständlich, wie das möglich sein soll – das plötzliche Verschwinden eines Menschen. Und wahrscheinlich wird es nie ganz begreifbar sein. Am Dienstag ist unerwartet der Bremer Maler und Zeichner Claus Haensel gestorben. Für dessen Werk sind solcherlei menschliche Konstanten prägend. Schließlich sind Haensels Arbeiten (meist) figürlich. Man könnte das natürlich auf seine künstlerische Ausbildung an der Dresdener Akademie der 70er-Jahre zurückführen. Das allein wäre aber eindeutig zu wenig. Denn dass der Maler sich für die Figur entschieden hatte, hängt mit seiner Obsession für übergesellschaftliche Themen zusammen – wie Liebe, Verlust und Tod.

Ganze Serien widmete der 1942 in Dresden geborenen Künstler seiner Frau, der Malerin Christine Prinz. Gemeinsam hatten sie 1984 die DDR verlassen und in Bremen ein neues Zuhause gefunden. Aus den frühen 80ern stammen seine fotografischen und zeichnerischen Reihen, die sie nackt in tänzerischer Bewegung am Meer zeigen. Haensel variiert dieses sehr einfache Motiv in vielfacher Weise, als zeichnerische Konstruktion, fotografisches „Sfumato“ und malerische Farbfläche.

Auch nach ihrem Tod 2013 blieb sie ihm ein wichtiges Motiv. 2014 zeigte er auf dem Kunstfrühling in den Gleishallen des Bremer Güterbahnhofs am Stand der Galerie Atelier Brandt Credo mittelgroße Ölbilder, die Christine Prinz am Strand zeigen, manche fotografisch, hyperrealistisch, manche zusammengesetzt aus farbigen Flächen, im Sinne der Pop-Art. Nach ihrem Tod machte sich Haensel mit akribischem Fleiß an die Katalogisierung ihres umfangreichen Nachlasses. Als sie verschwunden war, blieb ihm immerhin ihr Werk, mit dem er dann zusammenlebte und mit dem er sich liebevoll beschäftigte. Er blieb in der gemeinsamen Atelierwohnung, und auch ihr Name blieb an der Klingel.

Sechs dicke, nach Material und Genre geordnete Bände hat er zusammengestellt, einen siebten wird Sabine Tauscher, Leiterin der Sammlung des Forum Waldburg in Dresden, fertigstellen. Tauscher war in den vergangenen Jahren mit Haensel wegen der Übernahme des Nachlasses von Christine Prinz sowie Haensels eigenen Nachlasses im Gespräch. Große Teile der Werke konnte der Künstler noch zu Lebzeiten an das Museum übergeben.

Claus Haensel und Christine Prinz genossen beide an der Dresdener Kunstakademie eine Ausbildung, die stark an der Figur orientiert war. Dies wird auch an den späteren künstlerischen Entwicklungen der beiden in Westdeutschland deutlich. Sichtbar ist aber auch eine Hinwendung zu unterschiedlichen Formen der Abstraktion. Diese Spannung ließ sich erst im vergangenen Jahr anhand einer großen Doppelretrospektive in der Städtischen Galerie in Bremen nachvollziehen. Der Kurator Alejandro Perdomo Daniels führt diesen Sachverhalt in seinem Katalogtext zur Ausstellung auf die Reflexion der filmischen und fotografischen Aufzeichnungsmöglichkeiten zurück, die sich dann in Zeichnung und Malerei der beiden wiederfinden.

Eine Ausstellung der Bremer Galerie Mitte 2018 zeigte, wie weit und virtuos Haensel sich von der klassischen Figur seiner Ausbildung freischwimmen konnte. Zu sehen war dort eine großformatige Reihe mit dem seltsamen Titel „Die Kotelettfresser“, die er bereits 1988 fertiggestellt hatte. Die Zeichnungen entstanden mit so unterschiedlichen Materialien, wie Aquarell, Tusche, Acryl und Grafit auf Papier. Auf den Blättern der Kotelett-Serie zog er ein organisch wirkendes System aus farbigen, hell leuchtenden Rahmen auf – ein typisches Merkmal seiner Bilder, das man auch bei seinen Frauenporträts wiederfindet.

Haensel spielte hier mit dem Verhältnis zwischen Innen und Außen – und natürlich ihrem Übergang, denn dieses Verhältnis ist das zwischen Kotelett und Fresser. Auch wenn Haensel selbst den konsumkritischen Impuls seiner Arbeit betonte, spürt man die große Freude an der Übertreibung. Bezeichnend an den Arbeiten war nicht zuletzt die große formale Nähe heutiger Studierender der Hochschule für Künste Bremen, etwa dem Maler Francisco Valenca Vaz.

Claus Haensels Tod kommt für sein Umfeld überraschend. Er nahm bis zu seinem Tod rege am künstlerischen Leben teil. Er bewegte sich im Umfeld der Galerie Atelier Brandt Credo und der Galerie Mitte. Im Kubo leitete er Aktzeichenkurse. In einer letzten Mail an seine Kursteilnehmer schimpfte er über die Pandemie, verabschiedete sich in die Sommerferien und freute sich auf den Herbst.

Von Radek Krolczyk

Claus Haensel

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