Ausnahme- statt Aufnahmeereignis: Das Keith Jarrett Trio gastiert im Festspielhaus Baden-Baden

Freiheit aus Meisterschaft

In einer eigenen Welt: Keith Jarretts Spiel vermischen sich Schlichtheit und Reichtum unauflöslich. ·
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In einer eigenen Welt: Keith Jarretts Spiel vermischen sich Schlichtheit und Reichtum unauflöslich. ·

Von Rainer BeßlingBADEN-BADEN · Ein Hinweis auf Abschalten von Kameras und Handys ist üblich. Wenn zum Konzertbeginn aber ein Veranstaltersprecher von der Bühne zur Aufnahmeabstinenz ermahnt und an die Konzert verkürzenden Folgen einer Missachtung erinnert, kann es nur um einen Musiker gehen: die störgeräuschempfindliche Lichtgestalt unter den Jazzern, Keith Jarrett.

Das Publikum kennt die Attitüden des Meisters, weiß um die eigene Rolle und genießt die Exzentrik. Das rituelle Vorspiel schürt die Aura des Besonderen, die den nüchternen Saal des Festspielhauses Baden-Baden am Dienstagabend füllt. Aber deshalb ist man schließlich auch zu einem der seltenen Konzerte des Amerikaners gekommen und hat tief in den Geldbeutel gegriffen. Wenn Jarrett zusammen mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Drummer Jack DeJohnette die Bühne betritt, brandet donnernder Applaus auf. Das Trio verbeugt sich artig tief, kein Wort zur Begrüßung, keine Titelansage. Ab da spricht nur noch die Musik. Sie wird ab sofort das Ausnahmeereignis.

Ein trocken klingender Walking-Bass und ein reduzierter, von minimalen Varianten belebter Schlagzeug-Groove legen zum Auftakt ein Fundament. Wie bei seinen Solo-Konzerten scheint Jarrett lange über den ersten Ton nachzudenken, über die eröffnenden Akkorde und rhythmischen Bewegungen. Standards wie „Round Midnight“ oder „Bye Bye Blackbird“ flottieren in unzähligen Versionen durch Konzerte und Einspielungen. In den Interpretationen des Keith Jarrett Trios geben sie den Stoff zu singulären Ereignissen: vertraut und neu entdeckt aus Improvisation und wechselseitiger Inspiration.

Häufig nimmt Jarrett einen langen Anlauf bis zur Vorstellung des Themas. Auch wenn dieses am Anfang steht, bricht das Trio immer wieder aus der geläufigen Praxis der Chorusentwicklung aus. Jarrett exponiert das melodische Material mit perkussiver Prägnanz, aber auch großer Sanglichkeit, beispielsweise in „So Tender“ aus dem Album „Standards 2“ oder in „I Thought About You“. Vielfach umkreist er die harmonischen Entwicklungen oder gibt ihnen andere Richtungen. Aus Motivkernen entstehen, im Charakter frischer, energiereicher Spontaneität, eigenständige thematische Andeutungen. Lässiger Latin-Puls treibt „I‘m A Fool To Want You“ schwebend leicht voran. Die Jazzdiktion wird immer wieder angereichert durch Wendungen und Strukturen aus dem klassischen Repertoire. Impressionistische Klangwelten heften sich an Bluespatterns, mal mischen sich polyphone Sequenzen dazwischen.

Zur Improvisation im Jazz gehört der Vortrag technischer Brillanz. Virtuosität ist schließlich auch der Klassik nicht fremd. Jarretts herausragende Geläufigkeit bei irrwitzigen Tempi, etwa zum Auftakt der zweiten Konzerthälfte in „Woody‘n You“, zielt zwar auch erfolgreich auf Bravorufe, ist aber nicht Selbstzweck, sondern Spannungsmoment. Der Mix aus sportiver Tastenkunst und schöpferischem Kraftakt ist eine Facette der Intensität, die diesen Musiker kennzeichnet. Die andere Seite ist eine meditative Innerlichkeit, die beispielsweise in seiner Version der „Ballad Of The Sad Young Men“ zu hören ist.

Was Jarrett auf der Bühne in der Kombination aus technischer Meisterschaft und inspirierter, schlüssiger, extemporierter Themenverarbeitung auf verschiedenen stilistischen Ebenen treibt, ist Sonderklasse. Dass es ihn dabei nicht auf dem Klavierhocker hält und zu seinen bekannten Stöhn-Tiraden treibt, ist nachvollziehbar. Wenn die Musiker nach der ersten Konzerthälfte lange nach dem Bühnenausgang auf der falschen Seite suchen, mag das ein Hinweis darauf sein, dass sie zuvor tatsächlich in einer eigenen Welt unterwegs waren.

Was als Comeback Jarretts nach seinem chronischen Erschöpfungssyndrom in den achtziger Jahren gedacht war, hat sich inzwischen als eine der stabilsten Jazzformationen mit mehr als 20 Einspielungen, meist Konzert-Dokumenten, etabliert. Auch wenn der Fokus auf Jarrett liegt, agieren hier eigenständige Musikerpersönlichkeiten auf Augenhöhe. Ihre Freiheit beziehen sie aus Erfahrung, ihre Gelassenheit aus musikalischer Souveränität. Peacocks Soli folgen manchmal den Harmonieentwicklungen auf Seitenwegen, bilden wunderbar lyrische Melodielinien oder beißen sich bisweilen nicht ohne Humor an einer rhythmischen Figur fest. Seine Begleitarbeit bei Balladen trifft exakt den Punkt und hält genau die richtige Länge zu Jarretts Phrasierungsbögen. Jack DeJohnette lässt seinen federnden Beats permanent Variation, Gegenbewegung, Auflösung folgen, ohne dass sich Überfrachtung einstellte. Schlichtheit und Reichtum vermischen sich in seinem Spiel unauflöslich.

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