„Kirschgarten“ am Theater Bremen

Wind of Change

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Gedrückte Stimmung: Ljubow Andrejewna (Irene Kleinschmidt) nimmt Abschied von ihrem Landgut. Kontorist Semjon Jepichodow (Siegfried W. Maschek) verkriecht sich vor Kummer ins Eck.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Es weht ein scharfer Wind über die Bühne. Als hätte jemand alle Türen und Fenster aufgerissen an diesem eiskalten Dezemberabend.

Eben noch planschte die Gesellschaft auf Ljubow Andrejewnas Landgut fröhlich am Flussufer. Jetzt schon hält man sich bibbernd das Handtuch vor den Leib. Woher dieser Wind? Warum die Kälte?

Es wird wohl der Wind des Wandels sein. Die Vorahnung einer Zeit nach dem 22. August, jenem Tag, an dem das Landgut mit Herrenhaus und Kirschgarten wohl unweigerlich an einen neuen Besitzer gehen wird: weil Ljubow Andrejewna und ihr Bruder Leonid Gajew schlicht über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Am Donnerstagabend hatte Anton Tschechows „Kirschgarten“ am Theater Bremen Premiere. Es ist ein Stück über das Festhalten am Bestehenden. Und über die Kunst, mit der Veränderung zu leben. Denn verändern muss sich vieles auf Andrejewnas Landgut, das weiß niemand besser als ihr alter Freund Jermolaj Alexejewitsch Lopachin.

Der Geschäftsmann wird nicht müde, ihr seinen Sanierungsplan anzupreisen. Kirschbäume abholzen, Herrenhaus plattmachen, und am Ende Ferienhäuser bauen: Dann wäre das Grundstück schon bald wieder in den schwarzen Zahlen. Haus abreißen? Bäume fällen? „Das ist doch vulgär!“, findet Andrejewna. Weshalb fortan einfach mal nichts passiert.

Lopachin und Andrejewna, das ist oft als Gegensatzpaar von Vernunft und Gefühl verstanden worden: hier der kühl kalkulierende Geschäftsmann, dort die sinnliche Romantikerin. In Bremen hat Regisseurin Alize Zandwijk diesem Gegensatz gleich einen zweiten Widerspruch eingebaut, nämlich eine wechselseitige Sehnsucht nach dem jeweils Anderen. Ihr „Kirschgarten“ gleicht einem Experiment mit zwei magnetischen Pendeln, die einander anziehen oder abprallen – je nachdem, in welche Richtung die Handlung sie gerade gestoßen hat.

Zum Beispiel gleich zu Beginn bei Ljubow Andrejewnas (Irene Kleinschmidt) Rückkehr in die alte Heimat. Wie ein großes Familienfest mutet die Ankunft an: die Schwestern Anja (Annemaaike Bakker) und Warja (Nadine Geyersbach) fallen einander in die Arme, Gajew (Martin Baum) schmeißt eine Runde Bonbons, und Andrejewna spielt Blinde Kuh. Alle sind aufgekratzt, was so gar nicht passen mag zu den kühlen weißen Wänden dieses fast leeren Hauses, denen allenfalls ein Elchkopf an der linken Seite so etwas wie ironischen Charme verleiht (Bühne: Thomas Rupert).

Mittendrin steht Jermolaj Lopachin (Robin Sondermann) in modisch blauem Jackett. Mitlachend, mittanzend – und doch mit den Gedanken schon woanders. Sie wisse ja bereits, versucht er vorsichtig, für den 22. August sei bekanntlich die Versteigerung des Landguts angesetzt. Dann schießt er auch schon los mit seinen Plänen: mit der Waldrodung, dem Hausabriss, der Feriensiedlung.

Doch das ist nicht der Auftritt eines knallharten Sanierers. Da spricht vielmehr ein Gefangener seiner Vernunft. Einer, der auch gerne Andrejewnas Fähigkeit hätte, heute zu feiern, bevor morgen die Welt untergeht. Einer, der ständig ankündigt zu gehen, um dann aber doch zu bleiben – mag ihm Buchhalter Semjon Jepichodow (Siegfried W. Maschek) noch so eifrig die Tür aufhalten. Dieser Magnetismus funktioniert nur von einer Seite: Ob so ein Vernunftsbolzen bleibt oder geht, ist der Partytruppe um Andrejewna ziemlich schnuppe.

Später dann – der 22. August ist schon verdammt nah –, hält ihm niemand mehr die Tür auf. „Oh nein, Lopachin!“, ruft Andrejewna aufgeregt: „Nicht gehen. Es ist mit ihnen irgendwie fröhlicher.“ Im Angesicht des Unabwendbaren steht das Rationale auch bei Romantikern höher im Kurs. So hoch, dass es sogar fast zu einem Kuss kommt zwischen Lopachin und Andrejewna. Doch wieder scheint es, als seien Magnetfelder im Spiel: als bewirkten gleiche Pole, dass die Körper einfach nicht zusammenkommen wollen.

So versetzt der Wind des Wandels Verstand und Gefühl gehörig in Schwingungen, was Zandwijk nicht zuletzt auch als Problem des Freiheitsbegriffs kennzeichnet. Denn um Freiheit geht es, wenn ein Unternehmer Bäume fällt und eine abgewirtschaftete Adlige um ihren Wohlstand fürchten muss. Für den alten Diener Firs (Guido Gallmann) ist diese Freiheit von jeher eine Bedrohung: weil sie ihm Mut zur Selbstverantwortung abverlangt. Weshalb Zandwijk ihn in derart großen Schuhen über die Bühne wandeln lässt, dass an seinem Willen zur Verwurzelung kein Zweifel aufkommt.

Ohnehin ist es großartig, in welchem Facettenreichtum die Vorstellung der Freiheit zur Geltung kommt. Etwa in der Annäherung des ewigen Studenten Pjotr Trofimow (Johannes Kühn) und Andrejewnas Tochter Anja: Erst verführt er sie in bester Freikörperkultur zum Nacktbaden. Und erweckt damit Hoffnungen auf freie Liebe. Dann zerstört er selbige wieder, weil wirkliche Freiheit nun mal bedeute, „über der Liebe zu stehen“.

Johannes Kühn und Annemaaike Bakker spielen das mit einem beeindruckenden Gespür für die mentale Herkunft ihrer jeweiligen Figur. Für den durchaus sinnlichen Antrieb zum analytischen Weltverstehen im Philosophiestudenten Trofimow einerseits. Und für das rational fundierte Bekenntnis zur Romantik bei Anja andererseits.

Überhaupt gelingt es dem Ensemble aufs Eindrucksvollste, dieses so farbenreiche Panorama der Sehnsüchte und Gefühle vor Diffusion zu bewahren. Nadine Geyersbach interpretiert Warja konsequent rational und damit zugleich so tragisch fern jeder erotischen Dimension. Der von ihrer Mutter wiederholt geäußerte Gedanke, hier stehe die ideale Braut für den Kopfmenschen Lopachin, entpuppt sich vor diesem Hintergrund als fürchterliches Missverständnis: als sei dem Vernunftgeleiteten jegliches sinnliche Begehren fremd. Herausragend, wie Geyersbach diese Figur an ihrer eigenen Kopflastigkeit verzweifeln lässt. Wunderbar auch, wie Lopachin in Robin Sondermanns Spiel zwischen Unter-, Über- und Verlegenheit schwankt. Irene Kleinschmidt überzeugt derweil als Andrejewna mit sprödem Charme.

Am Ende, als Haus und Garten versteigert und alle abgereist sind, bleibt nur einer zurück: Diener Firs, vergessen und eingesperrt von seinen eigenen Leuten. „Das Leben ist vergangen, als hätte ich nicht gelebt“, sagt er und richtet sich im leeren kalten Haus auf den nahenden Tod ein. Freiheit mag anstrengend sein, doch wer vor ihr flieht, verpasst sein Leben.

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 18. Dezember, 11., 18. und 25. Januar, jeweils um 19.30 Uhr am Theater Bremen.

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