Freie Radikale

Die Schwankhalle präsentiert zwei Performances zum Islam

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Beatrice Fleischlin (l.) und Antje Schupp in „Islam für Christen“.

Bremen - Von Rolf Stein. Man kann es nach einem langen Abend schwarz auf weiß nach Hause tragen: Das Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme an einem Islam-Kurs, Level A1. Was das heißt? Das ist ein bisschen schwer zu sagen. Denn Wissen lässt sich nicht ohne Weiteres quantifizieren, auch wenn unser Schulwesen anderes suggeriert.

„Kaum ein Thema versinkt seit Jahren dermaßen in einer Kakophonie aus Halbwissen, sich selbst überschätzender Ahnungslosigkeit und politischer Instrumentalisierungen wie das Thema Islam“, schrieb Alexander Grau im Juli im Magazin „Cicero“. In diesem Sinne ist Schwankhallen-Chefin Pirkko Husemann zu verstehen, wenn sie als Ziel des Abends, der jetzt zweimal in der Bremer Schwankhalle zu sehen war, angibt: Auf Null zu kommen. Das erwähnte Zertifikat bekommt man nur, wenn man an „Islam für Christen – ein Crashkurs (Level A1)“ teilgenommen hat. Wichtige Lektionen zum Thema bekommt man allerdings auch in dem Stück „Zwischen den Säulen“ von dem Kollektiv Markus & Markus.

Nachdem sich die freie Truppe zuletzt in einem dreiteiligen Zyklus mit Dramen von Henrik Ibsen auseinandergesetzt hatte, sollte es nun, geben die Performer listig zu Protokoll, ein deutscher Stoff sein. Und sind sogleich vielleicht folgerichtig mittendrin in einer vermeintlich fremden Welt, die der vermeintliche Leib- und Magendichter des Denkervolks im „West-östlichen Divan“ entwarf.

In diesem Gedichtband huldigte Goethe dem sufistischen Dichter Hafi. „Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen“, befand Goethe. Und hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass es einmal so ein Gezänk um den Islam geben könnte, den er im Grunde auf einer Höhe mit den anderen monotheistischen Glaubensbekenntnissen sah. Denen er wiederum ganz allgemein mit eher philosophischer Großmut begegnete. Es kann dagegen wenig Zweifel daran bestehen, dass der Islam heute zumindest im Westen einen schlechten Ruf genießt. Dabei würde es jenem Westen doch gut zu Gesicht stehen, der gern reklamierten Aufklärung erst einmal selbst nachzukommen.

Auch Schönschreiben auf Arabisch ist Thema in „Zwischen den Säulen“ von Markus & Markus.

Markus & Markus, die in früheren Theaterarbeiten schon einmal Menschen in die Schweiz zum Sterben begleiteten und anderen dabei halfen, ihr Leben vielleicht doch noch einmal neu zu ordnen, sind in dieser Hinsicht Radikale. Für „Zwischen den Säulen“ haben sie sich so unvoreingenommen wie möglich und so intensiv, wie es eben geht, mit dem Islam befasst, sind gar konvertiert und nach Mekka gepilgert.

Arabistik, Kalligrafie, Religionsvergleich und Geografie haben die Performer, die tatsächlich beide Markus heißen, hierfür notfalls mit Tropenhelm und Opernglas erkundet. Dass sie beim Publikum immer wieder für Verunsicherung sorgen, gehört zum Spiel und ist natürlich fundamental aufklärerisch gedacht.

Umstandslos lässt sich die Performance „Islam für Christen – Ein Crashkurs (Level A1)“ von Beatrice Fleischlin und Antje Schupp im Anschluss an „Zwischen den Säulen“ goutieren. In nämlicher geht es nach einem Einstufungstest „niederschwellig, praxisnah und angstbefreit“ (O-Ton Fleischlin) in Theorie und Praxis vom Glaubensbekenntnis des Islam über Gebetsübungen (nach ritueller Waschung, versteht sich) sowie eine Modenschau bis hin zur Erörterung des Geschlechterverhältnisses und dem Prinzip der Freiheit durch Unterwerfung, das zu diskutieren dann doch leider keine Zeit ist.

Überraschend ist vor allem, dass einem womöglich das eine oder andere doch schon bekannt vorkommt, wie ein Reenactment jener Karikatur, die zwei Frauen zeigt, eine mit Burka, eine im Bikini, die sich jeweils erschüttert über die Frauenfeindlichkeit der anderen Kultur zeigen. Eine Lektion bleibt vor allem – Zertifikat hin oder her – nach beiden Abenden haften: Den einen Islam, den gibt es schlichtweg nicht.

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