INTERVIEW Veronika Skuplik über das Festival „Musicadia“

„Franzosen tanzen, Italiener singen“

Barockgeigerin Veronika Skuplik schätzt an ihrem Instrument die Möglichkeit der Nähe zum Gesang. Foto: Andrea Lehmkuhl

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. 1958 gründete der Komponist und Pianist Hans Otte, damals Hauptabteilungsleiter Musik bei Radio Bremen, das ab 1960 alle zwei Jahre stattfindende Festival „pro musica antiqua“, das bis 2001 Alte Musik nach Bremen brachte. Die Gambistin Hille Perl und die Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers haben diese Tradition in Form des kleinen Festivals „Musicadia“ 2009 wiederbelebt. Sowohl das qualitativ überragende Angebot als auch die Publikumszahlen sprechen für sich. In diesem Jahr steht beim vierten Festival, das Veronika Skuplik mitverantwortet, die Violine im Mittelpunkt. Vor mehr als 30 Jahren war Skuplik unter den ersten Absolventen des Studiengangs Alte Musik, heute betreut sie die Vertretungsprofessur für Barockvioline. Wir sprachen mit ihr über das Programm der vierten Ausgabe von „Musicadia“.

Frau Skuplik, wie kam es zu dem Festivalthema „Die Violine im Wandel der Zeiten“?

Hille Perl und Renate Wolter-Seevers haben für 2019 die Violine in den Mittelpunkt des Festivals gestellt. Das erste Konzert der Reihe befasst sich mit Kompositionen verschiedener Violinvirtuosen um oder im Vorfeld Johann Sebastian Bachs, die Interpretin ist Midori Seiler, eine weltweit bekannte und geschätzte Barockgeigerin. Am letzten Abend wird die bulgarischen Geigerin Plamena Nikitassova wunderbare und zum Teil auch nicht sehr bekannte französisch beeinflusste Werke spielen. Ich selbst wurde gefragt, zwei Programme zu gestalten. Für den Freitag habe ich die renommierte Altistin Wiebke Lehmkuhl eingeladen. Es ist ein italienisches Programm mit Werken von Monteverdi über Vivaldi bis zu Nicolo Porpora. Es führt von Venedig nach Neapel und umfasst durch die Lebensdaten der Komponisten rund 200 Jahre Musikgeschichte. Themenschwerpunkt ist Maria, die den Tod ihres Sohnes beklagt, es sind also viele melancholische, auch traurige Stücke, die wie Gold auf der wunderbaren Stimme Wiebkes liegen. Das zweite Konzert bestreitet meine Geigenklasse von der Hochschule für Künste. Es gibt uns die Gelegenheit, an den 400. Geburtstag eines großartigen Komponisten des 17. Jahrhunderts zu erinnern: Johann Rosenmüller. In dieser Zeit wird der italienische Einfluss in der deutschen Musik sehr groß. Eine seiner Sammlungen heißt „Studenten-Music“ und so lautet auch unser Konzert. Meine Studenten kommen unter anderem aus Spanien, Ungarn, Japan, und sie können das Semester mit einem wunderbaren vielseitigen Auftritt im Sendesaal beginnen. Ich halte es für eine wunderbare Idee, dass die „Musicadia“ den Barockensembles der Hochschule für Künste immer wieder dieses Podium bietet.

Die Violine hat, wie andere Instrumente, viele Änderungen durchgemacht, bis zur bislang letzten Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie Stahl- statt Darmsaiten bekam. Was hat sich dadurch verändert?

Die alte Violine hat nicht so viel Spannung, sie hat einen dünneren Bassbalken, eine flachere Neigung des Halses. Sie ist obertonreicher als die moderne Violine. Der Bogen ist konvex, nicht konkav und hat weniger Haare. Er eignet sich je nach Modell sehr für Tanzmusik oder begünstigt eine sprechende und singende Spielart. Nun, jeder Spieler geht anders mit dem Werkzeug um. Ich genieße die Möglichkeit der Nähe zum Gesang. „Dolcezza“ - – die Süsse, die Weichheit, die Sanftheit – und singende Qualität sind Klangideale, die für die Geige über Epochen gewünscht wurden. In unserer lärmenden Zeit auszuhalten, dass es auch einmal leise ist, gefällt mir und liegt mir am Herzen.

Kann man eigentlich wechseln?

Manche können es, aber viele bleiben bei einer Spezialisierung. Es gibt auch einfach sehr viel unterschiedliche Musik, sicher liegt einem nicht alles gleichermaßen.

Wie sind Sie zur Barockgeige gekommen?

Mein erster Kurs war in der Villa Ichon hier in Bremen, da war ich noch in der Schule. Es war ein Aha-Erlebnis. Die Stimmung, die Lebendigkeit – ich fühlte mich total zuhause. Das hat mich einige Jahre später zur Akademie für Alte Musik und meinem Lehrer Thomas Albert zurückgeführt.

In der Musik des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts herrschte ein geradezu explosives Virtuosentum auf der Geige. Das wiederholte sich im 19. Jahrhundert. Pablo de Sarasate sei mit dem Teufel im Bund, sagte man. Kein anderes Instrument hat eine so dauerhafte Bedeutung aufzuweisen wie die Violine. Warum ist das so?

Zunächst einmal ganz praktisch: Die Geige kann man leicht transportieren, anders als einen Kontrabass. Sie hat einen riesigen Tonumfang und liegt gut in der Hand. Sie ist schwer zu spielen, aber sie gibt auch viel zurück. Zu Monteverdis Zeit wurden irrwitzige Verzierungen erfunden, um Madrigale oder Motetten zu interpretieren. Über ostinaten Bässen gab es Improvisationen, vieles mit dem Anspruch, die Grenzen immer weiter zu dehnen. Eine spannende Suche: Was kann ich alles aus dem Instrument herausholen? Nun, und eine menschliche Eigenschaft ist auch der Wettbewerb und die Lust, sich gegenseitig übertrumpfen zu können: Ich kann höher schneller weiter.

Es war auch die Zeit, in der die italienische mit der französischen Musik konkurrierte. Plamena Nikitassova widmet sich am Sonntag den Franzosen Jean Marie Leclair und François Francoeur. Was unterscheidet französische und italienische Musik?

Ganz plakativ: Die Franzosen tanzen, die Italiener singen.

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