Die französische Band Magma präsentiert eine üppige Werkschau

Ausgedehnt ekstatisch

Mediengruppe Kreiszeitung
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Hannover - Von Jörg Worat. Gorutz waahrn'. Waïnsaht! Sëwolahwëhn öhn Zaïn – wer diese Worte zu Gesicht bekommt, hat zwei Möglichkeiten. Entweder er greift zum Telefon, um die Redaktion an den schönen alten Brauch des Korrekturlesens zu erinnern. Oder er nickt wissend und beweist so, dass ihm die Welt der Band Magma vertraut ist, die vor gut 45 Jahren eine eigene Sprache erfand und nun eine Zwölf-CD-Box mit Live-Aufnahmen herausgebracht hat. - Von Jörg Worat.

Natürlich nicht etwa unter einem öden Titel à la „Collected Live Tapes“, sondern als „Köhnzert Zünd“, im Gegensatz zur 2008 erschienenen Box „Studio Zünd“, die inzwischen für zündhaft hohe Preise gehandelt wird. Nicht nur deshalb sollte man im Zweifelsfall die Neuerscheinung in Erwägung ziehen – es hat seine Gründe, dass Magma vor allem als Live-Band gilt.

Wer deren einzigartige Klänge noch nicht kennt, sei darauf hingewiesen, dass die Gruppe zwar aus Frankreich kommt, aber einen Mythos über den Planeten Kobaïa ersonnen hat, wo man natürlich Kobaïanisch spricht. Die meisten Texte sind in diesem Idiom verfasst, das klingt, als habe jemand Ungarisch, Finnisch, Deutsch und das Lexikon der Akzentzeichen in einen Mixbecher getan. Ähnlich schwer ist die Musik zu beschreiben; dass die Band selbst ihren Stil als „Zeuhl“ bezeichnet, hilft Uneingeweihten wohl kaum weiter. Auf jeden Fall sind die Stücke stark rhythmisch geprägt, wenig erstaunlich angesichts des Umstands, dass Magma-Mastermind Christian Vander Schlagzeuger ist. Und sie können sehr lang werden, weisen oft repetitive Muster auf, gerne mit ekstatischen Steigerungen. Zuweilen klingt‘s wie Jazz-Rock, durch den exaltierten Gesang kommt aber auch eine opernhafte Attitüde ins Spiel. Als wichtiger Einfluss wird oft Carl Orff genannt, während Vander betont, die Spiritualität eines John Coltrane sei von entscheidender Bedeutung für die Gründung von Magma gewesen.

Was nun enthält die Box? Da ist zunächst das 1975er-Live-Album in der Zwei-CD-Fassung, dem das Remastering gut getan hat, gefolgt von den drei Silberlingen der „Retrospektiw“-Serie aus dem Jahr 1980. 2000 wurde die Trilogie „Theusz Hamtaahk“ eingespielt, zwei weitere CDs bieten einen Querschnitt durch die vordem nur auf DVD erhältliche „Epok“-Reihe aus den Jahren 2005 und 2011. Bis dato gänzlich unveröffentlicht waren schließlich zwei Scheiben mit Aufnahmen eines 2009er Konzerts im Pariser „Alhambra“. Wer sich fragt, ob Magma mit der Zeit den Biss verloren haben: Nein, haben sie nicht, und sie sind sich trotz mannigfacher Besetzungswechsel treu geblieben.

Das trifft auch und gerade auf die Zeiten zu, in denen Magma neue Wege beschritten. Der Titel „Retrovision“ auf „Retrospektiw III“ beispielsweise ist am ehesten so etwas wie Disco-Funk und wird von manchen Fans vehement gehasst, bekommt aber bei Magma eine derart schräge Penetranz, dass er schon wieder seine Reize hat. „Sëhntëhndëh“ vom „Alhambra“-Konzert wiederum hat einen deutlichen Gospel-Einschlag, doch auch das ist keineswegs uninteressant. Überhaupt spricht es für die Band, nicht nur das Altbewährte zu verwalten.

Sämtliche CDs in einem Rutsch zu hören, könnte derweil trotz aller Qualität zu gewissen Störungen führen. Die 1975er Aufnahmen bieten eine gute Gelegenheit für den Erstkontakt, weil sie hier und da vergleichsweise eingängig werden, aber auch immer wieder die spezielle Magma-Magie entfalten. Bei manchen der komplexen Passagen würde übrigens eine durchschnittliche Band schon im Studio große Schwierigkeiten kriegen und auf der Bühne endgültig einknicken.

Wo das Ohr Futter bekommt, möchte das Auge nicht nachstehen. Die Box mit dem klassischen Magma-Logo im Großformat kommt in stilvoller Aufmachung daher, das Design erinnert an eine Trophäe. Alle CDs stecken in Klappcovern, dasjenige von „Alhambra I“ ist allerdings beim vorliegenden Exemplar innen falsch bedruckt. Ein Booklet enthält zahlreiche atmosphärische Fotografien.

„Köhnzert Zünd“ macht einmal mehr deutlich, wie eigen- und einzigartig Magma sind. Es lässt sich nicht leugnen: Kreuhn Köhrmann ïss Dëh Hündïn. Weidorje.

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