Franziska Keller ist im Museum Böttcherstraße der Zeit auf der Spur

Mehr als alte Pappe

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Im Druck der Wände: „Die Zeit ist hin“ von Franziska Keller.

Bremen - Von Mareike Bannasch. „Hier steh ich nun und schaue bang zurück; Vorüber rinnt auch dieser Augenblick“: Zeilen aus dem Gedicht „Die Zeit ist hin“ von Theodor Storm. Eigentlich zwei simple Sätze und zugleich doch auch Ursprung einer Auseinandersetzung zwischen altem und neuem, Gegenwart und Vergangenheit. Allerdings nicht mit Worten, sondern mit Pappe. Sogar ziemlich viel Pappe.

400 Kilogramm altes Papier drücken sich da im Museum Böttcherstraße an die Wände. Früher waren sie Kalender, dienten als Erinnerungsstütze oder boten Platz für Notizen – und landeten im Januar schließlich im Müll. Mit Beginn eines neuen Jahres mit anderen wichtigen Terminen gab es für sie keine Verwendung mehr. Zumindest so lange bis sich Franziska Keller der alten Pappe annahm und aus den Erinnerungsstützen von einst ein raumbreites Kunstwerk schaffte. Denn die Dinge des Alltags haben es der Künstlerin angetan und fungieren als Initialzündung sowie Rahmen ihrer Arbeiten.

Doch was hat das Theodor-Storm-Gedicht denn nun mit Altpapier zu tun? Ziemlich viel, denn die Kalender zwischen den Wänden geben exakt diese zwei Zeilen wieder. Genau genommen bilden sie eine Tonspur ab – aus einer Aufnahme der Textzeilen entstanden – die nun als schwebende Installation im Raum schwebt.

Damit schafft Franziska Keller nicht nur ein beeindruckendes architektonisches Konstrukt, sie gießt das Sprechen zudem in eine dreidimensionale Form. Und kreiert so aus einem verrinnenden Augenblick ein Kunstwerk für die Ewigkeit. Keller gibt sich aber nicht nur damit zufrieden, Altes mit neuer Bedeutung aufzuladen, und so den Begriff Vergangenheit infrage zu stellen. Sie lädt zudem zu einer Auseinandersetzung mit dem Raum ein, nutzt seine Möglichkeiten, arbeitet aber zugleich mit den Schranken starrer Wände – und setzt sich so von architektonischen Gegebenheiten und Vorschriften ab. Allerdings ohne diese Botschaft allzu offensiv zu verkaufen, sie lässt vielmehr ihre Installationen für sich selbst sprechen.

Dass Keller häufig Zeichnungen in den Raum überträgt, zeigt sich auch im anderen Stockwerk des Museums Böttcherstraße. Wie im Abstellraum neben der Garage oder im Lager des örtlichen Baumarkts sieht es dort aus. Nur dass die Fallrohre nicht ordentlich auf einem Haufen liegen, sondern zu einem Rahmen zusammengesteckt sind. An sich noch nichts besonders, der Clou liegt eindeutig in der Position der Rohre.

Statt auf dem Boden sind auch sie an den Wänden zu finden, genauer gesagt kurz unterhalb der Decke. Als eine Art pulsierende Linie pressen sie sich an die Wände, nur vom etwas schiefen Beton gehalten. Schief ist auch die Rohr-Linie selbst, bewegt sie sich doch wie ein fast schon lebender Organismus auf und ab, die ein oder andere Ausbuchtung inklusive. Die übrigens an Aufhängung von Wandkalendern erinnern – eine gewiss nicht zufällige Reverenz an die Kalender ein Stockwerk höher.

„Wandung“ setzt sich aber nicht nur mit dem Raum und seinen Möglichkeiten auseinander, auch das Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart spielt eine Rolle. Die Rohre haben ihre besten Zeiten schon hinter sich, statt glänzendem Stahl blickt dem Betrachter nur stumpfes Metall entgegen. Schön sieht anders aus. Und doch ist hier mehr zu sehen als der bloße Alterungsprozess. Stattdessen nimmt Keller die alten Rohre, befreit sie von ihrer Vergangenheit und verwandelt sie in etwas völlig Neues. Das den Objekten mitunter auch eine völlig neue Bedeutung verleiht.

So bewegt sich die Gewinnerin des Karin-Hollweg-Preises 2013 stetig zwischen den Zeiten hin und her ohne dem Betrachter dabei allzu viel zuzumuten. Stattdessen wird er Teil der Installationen, kann sich frei in ihnen bewegen und ihnen eine neue Bedeutung geben – fern ab der Vergangenheit. Und kann als zusätzlichen Bonus die einzelnen Räume des Museums Böttcherstraße völlig neu auf sich wirken lassen.

Franziska Keller „Hier steh ich nun ...“, bis 1. Februar, Museum Böttcherstraße. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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