Die Fragen des Lebens

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ in Hannover

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Auch Lisa Natalie Arnold ist irgendwann mal Benjamin Button.

Hannover - Von Jörg Worat. „Wenn mein Leben rückwärts läuft, dann kann ich immer wieder von vorne anfangen“: ein schräger Satz und ein vermeintlich unsinniger. Die Titelfigur in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ hat jedoch allen Grund zu solchen Überlegungen, denn als Greis geboren, wird Button immer jünger. F. Scott Fitzgerald hat die gleichnamige Kurzgeschichte geschrieben, 1922 ist sie veröffentlicht worden, nun zeigt das hannoversche Staatstheater eine eigene Fassung im Ballhof.

Das ist zwar der Ort für Produktionen des Jungen Schauspiels, aber Regisseurin Mina Salehpour hat im Interview davon gesprochen, es sei kein Jugendstück im üblichen Sinne, „sondern ein Menschenstück“. Und in der Tat geht es hier um grundlegende Fragen, teils durchaus philosophischer Natur: Was ist Zeit überhaupt? Was heißt eigentlich Anfang und Ende? Nach welchen Kriterien ist das Ich zu definieren? Welches Verhalten wird welchem Alter zugeordnet? Wie gehen wir mit dem Anderssein um? Dass die Inszenierung mit der Empfehlung „ab 14 Jahren“ geführt wird, scheint jedenfalls angemessen.

Manche werden den Stoff durch David Finchers Verfilmung mit Brad Pitt und Cate Blanchett kennen, die 2008 in die Kinos gekommen ist. Aber Film ist Film, und Theater ist Theater: Salehpour setzt inhaltlich andere Schwerpunkte und wendet den Tatbestand, dass die Ballhof-Bühne eher klein ist, zum Vorteil: Konzentration, Intimität und Leichtigkeit bestimmen ihre Version.

Die Regisseurin braucht kein Riesenensemble, sondern kommt mit einem Quartett aus: Lisa Natalie Arnold, Johanna Bantzer, Ingolf Müller-Beck und Daniel Nerlich sind allesamt irgendwann mal Benjamin Button, übernehmen aber auch andere Rollen. Die des Erzählers etwa, irgendwann taucht überraschend Ernest Hemingway auf, „Der alte Mann und das Meer“ im Gepäck, besondere Glanzlichter setzt Arnold mit ihren zupackenden Verkörperungen der Josephine in verschiedenen Altersstufen.

Bühnenbildnerin Andrea Wagner lässt etliche Lämplein von oben herabhängen, was bei Bedarf eine märchenhafte Wirkung erzeugt, und punktet darüber hinaus mit einer ebenso simplen wie effektiven Idee: Ein Kubus aus Lamellen in Bühnenmitte verbirgt mancherlei und regt dadurch die Phantasie an, ist aber andererseits so durchlässig, dass nicht der Eindruck eines verschlossenen Raums entsteht. Am Ende wird der Kubus im Großformat gedoppelt - so mag die Welt jetzt dem kleiner werdenden Benjamin erscheinen. Spannend auch Sandro Tajouris Soundtrack, der teilweise nur aus subtilem Krackeln besteht, als würde irgendwo im Hintergrund eine Nadel auf einer alten Schallplatte herumkratzen.

Das Tempo der Inszenierung stimmt über weite Strecken, aber nicht durchweg: Der pantomimische Einstieg gerät etwas zähflüssig, und auch die eigentlich recht lustige Sequenz, in der ein äußerlich 50-jähriger Benjamin in die Universität aufgenommen zu werden wünscht, wird unnötig lange ausgespielt. Dafür gibt es Szenen, die im Gedächtnis hängenbleiben, auch traurige - beispielsweise findet Buttons eigener Sohn das Schicksal des Vaters eher peinlich und verlangt von ihm schließlich die Anrede „Onkel“.

Liebesgeschichten werden unter den gegebenen Umständen natürlich auch nicht unbedingt einfacher, und so schwingt sich der Abend auf einer Ebene irgendwo zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit ein. Das ist schon eine ganze Menge wert.

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