Claudia Bauer inszeniert Brechts „Arturo Ui“ in Hannover

Forcierte Farce

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Der Mummenschanz nützt wenig: Katja Gaudard (l.) und Sebastian Weiss in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“.

Hannover - Von Jörg Worat. Wenn die musikalische Ebene eines Theaterabends herausragend gut gelingt, ist das natürlich ein großer Pluspunkt. Wenn sie allerdings den mit einigem Abstand beeindruckendsten Part darstellt, muss doch irgendetwas schiefgegangen sein - und so war‘s bei Bertolt Brechts Gangsterspektakel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, das jetzt im Schauspielhaus in Hannover angelaufen ist.

Das Stück, 1941 im finnischen Exil geschrieben, aber erst 17 Jahre später uraufgeführt, ist eine Parabel auf Adolf Hitlers Weg zur Macht, und man braucht nicht viel Fantasie, um zu ermitteln, wen Brecht mit Figuren wie Dogsborough, Dullfeet oder Ernesto Roma meinte. Arturo Ui bekommt ein bisschen was von Al Capone mit, und die Handlung ist nach Chicago verlegt, wo die Krise im Karfiolhandel den recht bizarren Ausgangspunkt bildet.

Diesen Stoff heutzutage aufzuführen, bringt einige Probleme mit sich. Brechts Sprache ist nicht unbedingt gut gealtert, der Hang zur Belehrung ist auch so eine Sache, und das Geschichtsbewusstsein hat sich mittlerweile weiterentwickelt. Dass Regisseurin Claudia Bauer auf die berühmten Epilog-Worte „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ verzichtet, ist nur zu verständlich: Sie sind überflüssig geworden, leider nicht, weil sie keine Grundlage mehr hätten, sondern gerade im Gegenteil, weil ihre Berechtigung viel zu klar auf der Hand liegt.

Darüber hinaus tritt Bauer die Flucht nach vorn an und tischt vielerlei von dem auf, was man schon in anderen ihrer Inszenierungen sehen konnte: Es gibt massenhaft Action, Herumgerenne, Sprachschleifen, Maskenspiele, Live-Videos, Besetzungen gegen das Geschlecht - ein bisschen (Halb-)Nacktheit und Kopulation mögen auch nichts schaden.

Unnachahmlich: Katja Gaudard sticht heraus.

So etwas kann unter Umständen durchaus funktionieren, sollte denn die Dynamik der Aufführung stimmen, doch das ist hier weitgehend nicht der Fall. Gerade der erste Teil gerät viel zu diffus. Dass heutzutage gewisse historische Hintergründe wie der Osthilfeskandal nicht mehr allgemein geläufig sein dürften, ist dabei weniger von Belang.

Doch werden Uis/Hitlers Bemühungen, beim alten Dogsborough/Hindenburg einen Fuß in die Tür zu kriegen, extrem breit ausgespielt. Und wenn der Inhalt zu langweilen beginnt, nützt auch aller äußere Mummenschanz nichts mehr. Über den kann man ohnehin streiten. Verfremdungselemente, die deutlich machen, dass Theater nichts weiter als Theater ist, sind ja durchaus im Brechtschen Sinne, doch der ausgiebige Einsatz von Ketchupflaschen bei den Mordszenen scheint dann doch fragwürdig: Wenn man eine Farce forciert, muss dabei nicht zwangsläufig eine Meta-Ebene herauskommen - schlechtestenfalls bleibt es eben eine forcierte Farce.

Für die besagte Meta-Ebene sorgt am ehesten die Musik. Peer Baierlein hat eine spannende Mischung aus Volksweisen, Kunstlied und Lautdichtung angerührt, von einem ausgezeichneten Vokalensemble vorgetragen und von Florian Lohmann aus dem oberen Rang herab dirigiert.

Und aus der wackeren Schauspielschar sticht Katja Gaudard in der Titelrolle hervor: In unnachahmlicher Manier gibt sich die Darstellerin mal verknautscht, mal pfauenhaft - sehr schade, dass sie Hannover zur kommenden Saison verlassen wird.

Weitere Vorstellungen:

Sonntag, 17 Uhr, Freitag, 8. März und Donnerstag, 28. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus Hannover.

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