Flüchtlinge als Gewinn: Das Bremer Literaturfestival „globale“ zeigt zum Auftakt Beispiele

Die Vorteile des Fremden

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Sigrid Löffler

Bremen - Von Mareike Bannasch. Täglich kommen sie, zu Hunderten, eng aneinander gepfercht auf kleinen Booten. Viele von ihnen erreichen das vermeintlich gelobte Land nicht, sterben stattdessen in den Fluten des Mittelmeeres und werden zu einer Zahl in den Zwanzig-Uhr-Nachrichten. Anonym zwar, aber immerhin ist ihnen für einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit sicher. Doch wehe, diese Menschen suchen in deutschen Gemeinden Asyl. Dann formieren sich die Anwohner, sorgen sich vor Überfremdung, Wertminderung des Eigenheimes und gehen auf die Straße. - Von Mareike Bannasch.

Angesichts solcher Debatten ist das Bremer Literaturfestival „globale“ in seiner siebten Ausgabe aktueller denn je. Wo sich die kulturellen Grenzen nicht mehr klar definieren lassen, ist es an der Zeit, sich mit grenzüberschreitender Literatur zu befassen. Denn die Angst vor dem Unbekannten und der Durchmischung der eigenen Kultur verkennt einen Aspekt völlig: Dass es eigentlich immer Flüchtlinge waren, die die Staaten auf ihrem Weg zu dem, was sie heute sind, geprägt haben. Ein Umstand, der leicht in Vergessenheit geraten könnte, wären da nicht die unzähligen Romane und Erzählungen zahlreicher Flüchtlinge und Einwanderer, die ihre ersten Jahre in der neuen Heimat Revue passieren ließen. Und so ein wichtiges Zeitzeugnis schufen – zumindest wenn man der Argumentation von Sigrid Löffler glauben darf.

Der Literaturkritikerin kam am Freitagabend die Aufgabe zu, die aktuelle Ausgabe der „globale“ zu eröffnen. Ein Gast, der nicht besser zur aktuellen Zeit und dem Thema des Festivals passen könnte, zeichnet ihr aktuelles Buch „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“ doch die unterschiedlichen Flüchtlingsschübe und ihre Bedeutung für die Literaturgeschichte nach. Und kommt zu dem Schluss, dass aller Protest vergebens ist, weil wir uns doch bereits mitten in einem Zeitalter kultureller Mischung befinden, das das Ergebnis einer langen Abfolge unterschiedlicher Perioden ist.

Den Anfang nimmt nach Löffler alles mit Flüchtlingen, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch dem Ende der Kolonialmächte auf den Weg nach London machen, dem gelobten Land. Wo ihnen zuerst eines auffällt: die Kälte. Statt karibischer Sonne warten grauer Himmel und Regen auf die Neuankömmlinge – und kleine, ranzige Zimmer in irgendeinem Hinterhaus. Gerade groß und warm genug, um die Arbeitskraft aufrecht zu erhalten. Denn das ist es, was man im England der fünfziger Jahre braucht: die Arbeitskraft, nicht den Menschen dahinter.

Anhand einzelner Schicksale zeichnet Löffler so ein überzeugendes Bild der jüngeren Zeitgeschichte, das sich stets an literarischen Werken entlang hangelt. Nachvollziehbar zeigt das ehemalige Mitglied des „Literarischen Quartetts“, wie bedeutend die Flüchtlinge, die sich schon bald aus ihren Einwanderervierteln herauswagten, für die Entwicklung ihrer neuen Heimatländer waren. Und was passiert, wenn sich Teile der Gesellschaft gegen die Mischung ihrer Kultur stellen und radikal für den Schutz ihrer eigenen kämpfen.

Die Bespiele für solche Momente der Geschichte sind vielfältig: die Apartheid in Südafrika, der Rassismus in den Südstaaten der USA. Eine Antwort, wie wir mit solchen Entgleisungen umzugehen haben, gibt die Autorin allerdings nicht. Dafür zeigen die von ihr ausgewählten Schriftsteller und Werke umso deutlicher, welch ein Gewinn Flüchtlinge für die Gesellschaft sind. Wenn man sie denn an dieser teilhaben lässt.

Einer, der teilhaben konnte, ist Saša Stanišic. 1978 in Bosnien-Herzegowina geboren, flüchtete er mit 14 Jahren mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Erlebnisse, die der Autor auch in seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ verarbeitet hat. 2006 erschienen, wurde das Werk bereits ein Jahr zuvor mit dem Publikumspreis im Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Am Freitagabend jedoch liest Stanišic, der 2007 den Förderpreis des Bremer Literaturpreises erhielt, aus seinem neuen Roman „Vor dem Fest“, der ebenfalls von den Kritikern gefeiert wurde.

War es im ersten Buch noch ein Dorf in Bosnien, das langsam verschwindet und nur noch in den Mythen und Geschichte der Flüchtlinge existiert, ist es nun ein Kaff in der Uckermark. Die Jungen leben hier schon lange nicht mehr, stattdessen warten die alten Bewohner auf gelegentliche Besuche und trauern der Zeit hinterher, als mit ihrer Stadt auch die Geschichten blühten. Damit schafft Saša Stanišic den Sprung von der Migrantenliteratur hin zu einem Autor, der in seiner neuen Heimat angekommen zu sein scheint und sich mit einem Problem auseinandersetzt, das in den kommenden Jahrzehnten an Intensität noch zunehmen wird: die Landflucht. Auf der Suche nach Arbeit, verlassen die jungen Menschen ihre Dörfer und lassen nur noch die Alten zurück. Die über kurz oder lang sterben werden – und mit ihnen auch die Stadt. Ein Prozess, den der Autor mit einer Beschreibung voller Schönheit, Leere, Tragik und Kraft begleitet, und der auf seine Art einen Bogen zu den alten Kolonien schließt. Deren Dörfer ebenfalls immer leeren wurden, weil sich die Jungen auf den Weg in ein besseres Leben machten. Nur dass ihre Großstadt auf der anderen Seite des Ozeans lag.

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