„Floh im Ohr“ im Schauspielhaus Hannover: Georges Feydeaus Komödie über bürgerliche Doppelmoral mit Witz, aber ohne Fallhöhe

Warum hier? Warum jetzt? Warum so?

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Derart behämmert, dass es wieder Spaß macht: Szene aus „Floh im Ohr“.

Hannover - Von Jörg Worat. Doch, doch, wir sind tatsächlich im Schauspielhaus. Und vor unseren Augen spielen sich wirklich die Turbulenzen einer klassischen Komödie ab – das hat man in dieser Form vor Ort schon lange nicht mehr erlebt. Keine Frage, die Premiere von Georges Feydeaus 1907 uraufgeführtem „Floh im Ohr“ dürfte für Gesprächsstoff sorgen. So oder so. - Von Jörg Worat.

Raymonde Chandebise glaubt, dass Göttergatte Victor-Emmanuel, ein erfolgreicher Versicherungsdirektor, fremdgeht. Das entsprechende Indiz erweist sich zwar irgendwann als Missverständnis, aber zu diesem Zeitpunkt ist natürlich alles schon viel zu spät. Denn Raymonde lässt ihre Freundin Lucienne fatalerweise einen anonymen Brief schreiben, der Victor-Emmanuel zum Rendezvous in einem fragwürdigen Hotel bittet. Sollte der vermeintlich Untreue dort erscheinen, so die Überlegung, sei er überführt.

Leider finden sich am angegebenen Ort indes nicht nur Raymonde und, aus ganz anderen Gründen, Victor-Emmanuel ein, sondern auch der Rest des ziemlich umfangreichen Personals. Unter anderem der pistolenschwingende Carlos, Ehemann Luciennes, der den Brief zu Gesicht bekommen hat und anhand der Schrift nun seinerseits die Frau des Seitensprungs bezichtigt. Dass Poche, der trunksüchtige Hausmeister des Etablissements, Victor-Emmanuel zum Verwechseln ähnlich sieht, macht die Sache nicht einfacher.

Klingt nach wilder Jagd, nach Türenknallen, nach Über-Sessel-Stolpern? Nach Schlägereien, Schießereien, Geschrei? Ja, und genau das wird auch geboten. Regisseur Thomas Dannemann gibt dem Affen über weite Strecken kräftig Zucker. Wobei die Figuren schon durch die Maske karikaturenhafte Züge erhalten und von Kathrin Krumbein zudem gekonnt geschmacklos gestaltete Kostüme verpasst bekommen haben.

Nun muss man ein angemessenes Timing ja erst einmal hinkriegen, und das gelingt sehr gut. In Hinblick auf Steigerungsmöglichkeiten ist das Anfangstempo nicht gar zu hoch, um nach und nach wahnwitzige Züge anzunehmen – und manchmal ist das Treiben dann auch derart behämmert, dass es schon wieder Spaß macht. Zumal ein gutes Ensemble am Start ist, aus dem diesmal die Herren besonders hervorstechen: Gunnar Teuber setzt als Hausfreund Tournel wunderbar staubtrockene Pointen, Mathias Max Herrmann zeigt als Chandebise/Poche einmal mehr seine einmalig selbstverständliche Darstellungskunst, und Janko Kahle räumt in der Rolle des sprachbehinderten Camille ab, der keine Konsonanten artikulieren kann.

Regisseur Dannemann hat zwar ein Tänzchen von Katja Gaudard eingebaut und spielt mit den Leuchtbuchstaben in Katrin Nottrodts Bühnenbild (das übrigens auf offener Szene vom Versicherungsunternehmen zum Puff umgebaut wird), verzichtet aber weitestgehend darauf, dem Stoff zusätzliche Ebenen und somit eine gewisse Fallhöhe zu entlocken. Daher bleibt eine entscheidende Frage ungeklärt: Mag bürgerliche Doppelmoral auch ein ewiges Thema sein, warum muss man dieses Stück gerade hier, gerade jetzt und gerade so inszenieren?

Nächste Vorstellungen: heute und am 20. März, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus

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