„Girls Can Tell“: GAK Bremen wagt sich an „Kunst und Weiblichkeit“

Flirt mit dem Feminismus

Unentschieden: Bild aus Susanne M. Winterlings Video „The Pressure Behind Your Nailcolour“. ·
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Unentschieden: Bild aus Susanne M. Winterlings Video „The Pressure Behind Your Nailcolour“. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Liefert Susanne M. Winterlings Video das programmatische Bild zur aktuellen Ausstellung der Bremer „Gesellschaft für aktuelle Kunst“ (GAK)? Zwei Frauen praktizieren das als Männerritual geltende Armdrücken.

Die eine – man sieht nur die Unterarme – repräsentiert mit schwarzem Nagellack, Tattoo und trainierten Muskeln eine kämpferische Haltung. Der andere Arm verkörpert weich, hellhäutig, mit Perlarmband geschmückt einen Gegenpol.

Das Kräftemessen bleibt unentschieden, der Blick auf verschiedene Verkörperungen von Weiblichkeit in einer Männerdomäne gerichtet. Sind damit auch verschiedene Auffassungen von Frau-Sein thematisiert, unterschiedliche Haltungen, wie, wozu und vielleicht auch wogegen Frauen heute ihre Kräfte einsetzen und nutzen sollten? GAK-Leiterin Janneke de Vries rückt bei der Erläuterung des Konzepts ihrer Ausstellung „Girls Can Tell“ die F-Frage gleich in den Mittelpunkt: Wie hältst du‘s mit der Frauenbewegung, schwebe als Kernproblem über der Präsentation. Ist der feministische Kampf historisch geworden oder müssen neue Aktionsformen und Formulierungen her angesichts veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse und neuer Männer? Es scheint ein Wagnis zu sein, sich kuratorisch zu diesem Thema zu verhalten.

Nahe Winterlings Video hängt ein Kleid von Juliette Blightman. „Always There Is a Desire That Impels and a Convention That Restrains“ heißt das rosafarbene Objekt, das erhebliche Abnutzungserscheinungen aufweist. In der Höhe von Brust und Scham ist der Stoff besonders abgewetzt und legt ein goldfarbenes Unterkleid frei. Der Verweis auf Gewalt ist offenkundig, ebenso der auf eine Geschlechtlichkeit, die es mit Widerstand zu tun hat. Um von dem an Flauberts „Madame Bovary“ angelehnten Titel auszugehen: Der Kampf einer „Sehnsucht, die antreibt“ mit der „Konvention, die bremst“ bekommt hier ein Gesicht, und zwar eins, das diesen Kampf als einen spezifisch weiblichen erkennen lässt.

Um Kampf geht es auch in Jeremy Shaws „7 Minutes“. Der Film zeigt in Zeitlupe und mit einem Sound, der eine Trance-Anmutung verstärkt, eine Prügelei zwischen Frauen in subkulturellem Milieu. Das Gewaltpotenzial in den Szenen erschließt sich erst allmählich. Der Film federt die Faustschläge durch den tänzerischen Charakter in der Slow-Motion ab. Die Aufnahmen wirken entrückt und befremdlich. Solches Gerangel mag als maskulin gelten. Doch lässt der Film nicht gerade in der ästhetisierenden Verfremdung an Revierkämpfe im weiblichen Lager denken, die in ihren Machtansprüchen und Verdrängungsstrategien denen im männlichen kaum nachstehen?

Die Schau greift auch eher gängige „feministische“ Themen und Haltungen auf. Verena Issel zeigt mit „Female Career“ den Weg der Frau nach oben als Drahtseilakt in permanenter Schieflage, stete Absturzgefahr eingeschlossen. Anna Ostoya führt Kunstgeschichte als männlich dominiert vor. Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Frida Kahlo fand sie im Internet mit dem Suchbegriff „Frau/Freundin/Geliebte eines männlichen Künstlers“ – was wohl eher auf die Merkwürdigkeiten dieses Mediums als auf die aktuelle Rezeption dieser Künstlerinnen schließen lässt.

Marlo Pascual erinnert mit Fotografien aus den 1940er- bis 1960er-Jahren, die junge Mädchen bei ihrem Eintritt ins gesellschaftliche Leben zeigen, an traditionelle Rollenzuschreibungen. Mit Faltungen der Porträts, die meist Vorhänge als Hintergrund nutzen, stützt sie das Spiel von Verdecken und Offenbaren, betont verborgene Möglichkeiten.

Die stärksten Momente hat die Ausstellung da, wo Spannung und Kräftemessen, wo die Reibungsflächen und das Prekäre des Grundthemas mehrdeutig, gleichzeitig abstrakt und konkret verhandelt werden. So deutet Shannon Bools Objekt „Broken Pole“ einerseits auf die Striptease-Stange hin, zugleich auf ein Trainingsgerät, das von Männern und Frauen genutzt wird. Zwei Stangen treffen mit ihrer Spitze in einer schwierigen Balance, an einem Null-Punkt aufeinander. Der Bezug zu Barnett Newmans berühmter Skulptur „Broken Obelisk“ lässt einen historischen Wendepunkt assoziieren.

Ebenso glänzend und pointiert ist Maria Lobodas Objekt „Curious and Cold Epikurean Young Ladies“, ein Flachmann aus Platin, gefüllt mit Wasserstoff. Die explosive Mischung, von einer Protagonistin in Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ angeregt, lässt sich als Sprengkraft einerseits des Weiblichen wie auch einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse begreifen. Die Form fördert einen sinnlichen Umgang mit dem Thema und mag illustrieren, was die Kunsttheoretikerin Monika Szewczyk, Motto-Lieferantin für die GAK-Schau, vorschlägt. Vielleicht könnte das feministische Waffenarsenal Flirt und Erotik integrieren, Verführung zum Verständnis und Verstehen durch das Verbergen und Verborgene?

Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen, Teerhof.

Bis 2. Februar 2014. Di-So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr.

Eintritt 3 Euro.

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