Künstlerhaus Bremen zeigt raumgewordene Zeichnungen von Tomaso de Luca

Fliesen im Kopf

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Viel weiß: Blick in die aktuelle Ausstellung des Bremer Künstlerhauses. ·

Bremen - Von Tim SchomackerWarum eigentlich haben Matratzen oft derart komplexe Muster drauf? Früher jedenfalls. Heute sind sie meist eher dunkelweiß. Früher aber waren Orientalismen zu verzeichnen, tendenzielle Zwiebelmuster, Blumenornamente. Obwohl im häuslichen Gebrauch ja meist was drüber ist. Ein Laken.

Junge Römer, behauptete Falco weiland in einem Kunstlied, tanzten anders als die anderen. Nun stammt der 1988 geborene Tomaso de Luca – seine von Zeichnungen ausgehenden installativen Arbeiten sind derzeit im Bremer Künstlerhaus zu sehen – aus Verona und ein Tänzer ist er auch nicht. Aber anders als die anderen. Nicht zuletzt, weil er die Matratze in ihrem Nachleben beobachtet, im außerhäusigen Gebrauch. Dort, wo das Design der Schlafunterlage wieder zum tragen kommt. Und sie sich – meist ohne Laken – hineinmischt in die Stadt. Als Müll oder Fundstück, als Plastik wider Willen. Oder erneut als Schlafplatz.

Für de Luca sind ausgediente Matratzen der perfekte Kurzschluss zwischen dem höchst privaten und dem hochgradig öffentlichen Raum. Darum fotografiert er sie auf seinen Spaziergängen durch Rom. Darum reiste er mit einem Fuder Fotos in Bremen an, um sich an die Ausstellung zu machen. Sie heißt „Salopp gesagt schlapp“. Und sie ist die erste Ausstellung der neuen Künstlerhaus-Leiterin Fanny Gonella.

De Lucas Fotos von Matratzen – von für den Sperrmüll bereitstehend über zum Schlafen in Hauseingänge gezogen bis zu in Gruppen an einander geschmiegt – finden sich im langschmalen Galerieraum auf diversen Untergründen wieder. Nur nicht auf Fotopapier. Bedruckte Handtücher an der Wand verzerren das Bild. Kleine Aufkleber sind auf Kachelwänden aufgebracht, manchmal in eigenwilliger Schichtung. Als Plakate oder Teile von Collagen führen die römischen Matratzenansichten ein ausgestellt flüchtiges, fast ein wenig unkünstlerisches Leben.

Ebenjene Flüchtigkeit wird in „Salopp gesagt schlapp“ verschränkt mit anderen Schnittstelle von öffentlich/privat, die dem Raum Raum gibt. Die Ausstellungsarchitektur mit ihren gefliesten Sperrholzstellwänden tippt den Look öffentlicher (oder, wie in bar oder Bank, gemeinschaftlich genutzter) Toiletten an. Auf diesen Präsentationsflächen sind nicht nur die (motivisch sich wiederholenden) Matratzenklebebildchen aufgebracht, sondern auch ein Klospruch aus einem Fassbinderfilm, die Konturen einer kopflosen Maus (aus Tom & Jerry), eine warholig gezeichnete Hose sowie so mancher kurze Spruch.

Sie werde den Schwerpunkt auf Einzelausstellungen legen, die „einen Sprung in die Welt von jemand anderem“ darstellten – und die mit der Geschichte des Künstlerhauses als (mehrheitlich ja) Produktionsort mit Ateliers und so weiter korrespondierten. De Lucas Fliesen im Kopf machen da den Anfang. Wie auch, dass der junge Wahl-Römer nicht mit einer fertigen Ausstellung anreiste, sondern hier etwas installierte, dem etwas Momenthaftes anhaftet. Eine raumgewordene Momentaufnahme aus dem Schaffensprozess, während dem vom selben Material ausgehen mal in die eine und mal in die andere Richtung abgebogen wird. Unterhaltsam, auch angenehm rätselhaft in diesem Fall.

Aber es ist noch ein gutes Stück zu gehen für Tomaso de Luca, bis seine Arbeiten an die charismatische Anwesenheit seiner Vorbilder wie Warhol oder Kippenberger heranlangen.

Die Ausstellung „Salopp gesagt schlapp“ ist noch bis zum 8. Juni im Künstlerhaus Bremen, Am Deich 68, zu sehen. Öffnungszeiten: Mi.-So. 14-19 Uhr.

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