Stadttheater Bremerhaven inszeniert Mozarts „Requiem“ spartenübergreifend

Fliegend gegen das Schicksal

Ihre Zeit ist noch nicht gekommen: Für die Trauer der Vokalsolisten ist Bremerhavens Version von Mozarts „Requiem“ nur am Rand der Bühne Platz. - Foto: Heiko Sandelmann

Bremerhaven - Als das Stadttheater Bremerhaven als eines von zwölf Häusern mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet wurde, hob die Jury in ihrer Begründung auch spartenübergreifende Projekte hervor. Projekte wie jenes, das nun am Samstag in Bremerhaven Premiere hatte.

Ballettchef Sergei Vanaev hat sich Mozarts berühmtes wie legendenumwittertes, von ihm selbst nicht vollendetes „Requiem“ vorgenommen, das Philharmonische Orchester Bremerhavens, Chor- und Extrachor des Stadttheaters sowie vier Mitglieder aus dem hauseigenen Opernensemble verstärken musikalisch das neunköpfige Ballettensemble.

Thomas Mika hat für die Inszenierung ein in schlichtem Schwarzweiß gehaltenes Bühnenbild geschaffen, einen halb offenen Raum mit einer Treppe an der Rückwand, in dem die weiß gewandeten Tänzer ihren Auftritt haben. Vanaevs moderne Ballettauffassung setzt gegen die ernste Grundstimmung des Requiems eine punktuell regelrecht akrobatische, stets sehr athletische Körpersprache. Was zunächst ein wenig irritiert. Geht es denn in einem Requiem ganz allgemein nicht um die letzten Dinge, den Tag der Rache, das Verlangen nach Vergebung und derlei Dinge? Wäre da also, in anderen Worten, nicht eine gewisse Schwere, Demut angezeigt? Als wollten sie daran erinnern, betreten die Vokalsolisten für ihre Einsätze die Bühne, ganz in Schwarz. Um am Ende ihrer Parts sanft, aber bestimmt von der Bühne geleitet zu werden. Eure Zeit ist noch nicht gekommen. Ein Requiem mag den Toten gewidmet sein – aber die Lebenden singen es doch eher für sich als die, die mit dem Verlust leben müssen.

Dabei arbeitet Vanaev im Verlauf des rund einstündigen Abends durchaus auch zartere Motive ein, die auf die Zerbrechlichkeit des Lebens hindeuten. Einmal nimmt eine der Tänzerinnen Anlauf über die gesamte Diagonale der Fläche, um zu einem langen Flug anzusetzen. Natürlich ein vergebliches Unterfangen. Flugs wird sie aufgefangen – und doch ist dieser Moment einer, der einem nicht nur der körperlichen Leistung wegen kurz den Atem stocken lässt. Es ist vielmehr ein Augenblick, der das Prekäre der menschlichen Existenz in formal eigentlich sehr schlichter Weise aufscheinen lässt.

Flankiert wird das Bühnengeschehen von einem Chor, der, auch wenn er musikalisch in gewisser Weise eine Hauptrolle spielt, an die Seiten vor der Szene verbannt ist, links die Frauen, rechts die Männer. Auch wenn es bei der Premiere anfangs stimmlich noch ein wenig an Präsenz fehlt, haben sich die Sänger, exzellent einstudiert von Jens Olaf Buhrow, schon bald in Form gesungen. Auch bei Solisten und Orchester gibt es noch gewisse Anlaufschwierigkeiten.

Von Anbeginn präsent allerdings Regine Sturm, die mit ihrem strahlenden Sopran beeindruckt. Etwas zurückhaltender Carolin Löffler, eigentlich eine Mezzosopranistin, die die Alt-Partie dennoch mit subtiler Intensität ausführt. Der Tenor Thomas Burger, kurzfristig eingesprungen für Tobias Haaks, erledigt seine Aufgabe sehr sicher, lediglich Leo Yeun-Ku Chu (Bass) hat man schon stärker gehört. Auch Ido Arad führt das Orchester nicht immer makellos durch die Partitur. Aber das dürfte sich schon bald eingespielt haben. Ein sehr sehenswerter Abend ist dieses Bremerhavener „Requiem“ auf jeden Fall.

Weitere Termine: Mittwoch, Sonntag, 8. und 14. April, jeweils um 19.30 Uhr.

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