„Bestiarium“ im Syker Vorwerk

Vom Ei zum Fliegen

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Anja Fußbach stickt den Tiger in ihr und in uns.

Syke - Von Rainer Beßling. Das Deutsche besitzt dafür kein Wort: „Roadkill“ meint die Tierkadaver am Straßenrand, die Kollateralschäden der Mobilität. Vom Vogel bis zum Fuchs, mal äußerlich kaum versehrt, mal bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt.

Marion Bösen fotografiert solche Tierleichen, rahmt sie und schafft ihnen damit eine Art Memorial. Ab morgen ist eine Auswahl ihrer Gedenkaufnahmen im Syker Vorwerk zu sehen, vorzugsweise gefiederte Opfer. Die Präsentation kommt nicht als Anklage daher. Auch im Erschrecken lässt sich noch die Schönheit manchen Federkleids bewundern. Im übrigen liest die Bremer Künstlerin neben Verkehrstoten auch anderes Randständige fotografisch auf: Matratzen zum Beispiel, was eben so abfällt. Das Abseitige und Übersehene ist ihr Thema. Bösen kann aber auch anders: Eine Wand im ersten Stock des Vorwerks hat sie mit riesigen Ei-Abbildungen tapeziert – ein Verweis auf die Herkunft von Ornamenten aus dem Tierreich vielleicht. Das Motiv erinnert übrigens an älteren Wandschmuck an selber Stelle.

Mit ihrer Sammlung fügt sich Bösen passgenau in das Thema der neuen Gruppenausstellung im Syker „Zentrum für zeitgenössische Kunst“. „Bestiarium“ ist die Schau betitelt, das meint die Sammlung des Tierischen. Eine solche betreibt der Mensch seit Ur-Zeiten. Ein weites Feld also, auf das sich Sabine Wewer und Rita Bieler da begeben haben. Die beiden Künstlerinnen aus der Region sind mit „Bestiarium“ als Gastkuratorinnen im Vorwerk tätig.

Die Auswahl, die Wewer und Bieler getroffen haben, offenbart sich schon auf den ersten Blick als eine subjektive. Dem Anspruch, das uferlose Thema auch nur halbwegs systematisch zu bearbeiten, würden sich wohl alle Kuratoren verweigern. Weder eine strikte Führung noch Brücken in Motiv oder künstlerischer Gattung nehmen den Besucher mit. Auch eine bestimmte Grundhaltung etwa zum Verhältnis Mensch-Tier oder ein Fokus auf die künstlerische Tier-Darstellung sind nicht zu erkennen. So kann sich der Besucher ganz auf die einzelnen Positionen konzentrieren. Positiv darf schon mal gewertet werden, dass keine ethischen und ästhetischen Prägungen und Präferenzen offensiv auf das Publikum einwirken. Das darf sich seine eigene Meinung bilden, Stoff genug ist da.

An Dieter Froelich könnten sich bereits die Geister scheiden. An Vegetarier richtet sich der Hannoveraner Künstler-Koch jedenfalls nicht. Aber sauber und ordentlich ist es in seiner Küche. Schautafeln umkreisen das System der Tierverwertung. Ins Tafelbild übersetzte Illustrationen aus Büchern markieren den Ort von Kotelett & Co. am Tierkörper. Mit der Kartierung des Kadavers verbindet Froelich den Appell, das Tier komplett zu nutzen: „Alles aufessen“ heißt es bei seinem „Gastmahl“ morgen um 19 Uhr im Vorwerk.

In der Ausstellung geht es neben Überrollen und Einverleiben des Tierischen auch um das angelegte Animalische im Menschen. Das Tier wird gern als Projektionsfläche oder Statthalter für die dunkle Seite des Menschen gesehen. Anja Fußbach lässt in schrillen, hintergründigen Stickereien mit bunten Farben und Strass die Bestie in uns raus, die sich vorzugsweise bei kontrollminderndem Drogenkonsum meldet. Die berühmten weißen Mäuse, die dann vor dem trüben Auge paradieren, lässt Fußbach zu merkwürdigen Mischwesen mutieren. In eine andere Richtung geht Corinna Korth: Sie macht sich zum Wolf, um auf eine Tierwelt mit eigenen Gesetzen zu verweisen. Hunde vor Vermenschlichung durch Frauchen und Herrchen zu bewahren, ist ehrenwert.

Hunde im Rahmen einer ornamentalen Bordüre bringt Barbara Quandt auf die Leinwand. Überzeichnung und Zeichenhaftes fließen ineinander. „Faustisches“ ist das Leitmotiv einer Bilderserie. Des Pudels Kern wird befragt, und der deutsche Schäferhund tritt neben Eichenlaub und zwischen Runenschrift wie eine Schießscheibe auf. Auch Affen setzt die Berlinerin ins Bild, was unter anderem daran erinnert, dass viele Künstler ein Tier leitmotivisch ihr Werk durchwandern lassen – Immendorff lässt grüßen.

Das Unheimliche, mutmaßlich Animalische, thematisiert der Bremer Robert van de Laar in Installation und Videos. Bei den Filmen sorgen Überblendungen verschiedener Mienen derselben Person für Verzerrungen, die den Gesichtern katzenhafte bis wolfsartige Züge einschreiben. In einer Vitrine, die an ein Aquarium erinnern könnte, hält ein schwarzer Vorhang, von leichtem Luftzug dramatisch bewegt, ein dunk les Geheimnis verborgen.

Zwei poetische, leise Arbeiten steuert Janis E. Müller bei, in Verden geborener Meisterschüler von Jean-Francois Guiton und in diesem Jahr mit dem Karin-Hollweg-Preis ausgezeichnet. In beiden Arbeiten geht es ums Fliegen, den alten Menschentraum, in dem Mythen nachklingen, aber auch Bilder von Maschinen aufscheinen, in denen Künstler und Konstrukteure vom Tier zu lernen versuchten – von Leonardo bis zur heutigen Bionik. Seine Installation, in der sich Querstreben an einem Mast wie Arme und Flügel ausbreiten und ein paralleler Mechanismus eine Rundform beschreibt und Proportionalität einschreibt, möchte Müller auch formal betrachtet sehen. Das Dreieck, das sich aus der Konstruktion als geometrische Grundform abstrahieren lässt, verweise auf „eine merkwürdige Zahl und Menge“. Da stehe erstmals etwas „dazwischen“. Was zwischen Mensch und Tier steht, darüber lässt das „Bestiarium“ im Vorwerk nun angenehm unangestrengt und inspirierend nachdenken.

9. Dezember 2012 bis 17. März 2013. Mi 15-19 Uhr, Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr. Eröffnung morgen 12 Uhr. Katalog.

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