Heike Kühn wagt sich an einen Stoff mit gewaltiger Rezeptionsgeschichte

Finger ab, Schwanz ab: Leben geht weiter

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes Bruggaier. Wenn das Schicksal zubeißt, führt das zu schweren Vergiftungen – zum Tod aber nur selten. Das gilt jedenfalls für Bisse jener Tiere, die den Namen der antiken Schicksalsgöttin Lachesis tragen: Buschmeisterschlangen aus den Regenwäldern Südamerikas.

So gesehen hat Hartmut Alles, Tierpfleger am Frankfurter Zoo, noch einmal Glück gehabt, dass sich das Schicksal mit einem zwar schmerzhaften, aber nicht lebensbedrohlichen Warnsignal zufrieden geben mochte.

Mit dem Biss beginnt für ihn eine größtenteils unerfreuliche Vaterschaft und damit auch Heike Kühns Roman „Schlangentöchter“ (Frankfurter Verlagsanstalt). Denn just in dem Moment, als sich die Giftzähne in seinen Finger bohren, bringt seine Frau nicht den erhofften Stammhalter zur Welt, sondern bloß eine Tochter. Ein Mädchen mit Schlangenschwanz obendrein. Was für eine Schande!

Der Finger wird amputiert, das Leben aber geht weiter: für den cholerischen Schlangenexperten wie für seine missgebildete Tochter Tonie. Die verliert ihren Schwanz bald infolge eines Missgeschicks und kann fortan Geister sehen. Wir begleiten dieses mit übersinnlicher Begabung gesegnete Kind auf seinem Weg durch Kindergarten und Grundschule, wohnen seinen Dialogen mit verstorbenen Ahnen oder wahlweise ihrem immer wieder mal auftauchenden Schlangenschwanz bei und verfolgen sein wechselvolles Verhältnis zum Vater. Der behandelt nicht nur seine Frau wie lästiges Vieh, sondern macht sich nachts auch noch über Stieftochter Hannah her.

Das alles, so ist bald zu erfahren, findet seinen Ursprung in traumatischen Erlebnissen als Kriegsgefangener. Wobei lange Zeit nicht ganz klar ist, welchen eigenen Anteil Hartmut Alles sich für diese Erlebnisse zuzuschreiben hat. Denn was ist von dem Mantel der Waffen-SS zu halten, den Tonie eines Tages im Keller findet?

Kühn beschreibt eine Kindheit und Jugend im Schatten des Krieges: eine von Traumata und Verständnislosigkeit geprägte Existenz hinter der Fassade bürgerlichen Familienglücks. Auf diesem Stoff lastet eine gewaltige Rezeptionsgeschichte. Doch statt sich von dieser Last zu befreien, begibt sich der Roman zügig ins Fahrwasser des Wohlvertrauten, es scheint, als habe man alles so oder so ähnlich schon einmal gelesen: von Kriegstrauma und Kindesmissbrauch, von Ehefrauen, die mit Kaffee und Kuchen verzweifelt gegen den Zerfall ihrer Familienidylle ankämpfen.

Dort, wo die Handlung von dieser Norm abweicht, wird es arg symbolträchtig. Der abgefallene Schlangenschwanz trägt natürlich Schwarz-Rot-Gold, und wenn Atheist Hartmut Alles einen Pfarrer in die zoologische Schlangengrube lockt, bietet er ihm selbstredend – Sündenfall – sogleich einen Apfel an. All das mutet unheimlich bedeutungsschwer an, ohne dass sich ebendiese Bedeutung wirklich fassen ließe.

Das mag seine Ursache in eher blassen Charakteren finden, für die beispielhaft Tonies Beziehungserfahrungen stehen. Der erste Freund jedenfalls, flüstert ihr schon bald der Geist ihrer Großmutter zu, tauge nichts: weshalb, lässt sich nicht ergründen – wir haben den Jungen bis dahin gar nicht wirklich kennengelernt. Wenige Seiten später wirft sich die Heldin einem gewissen Martin an den Hals, warum bleibt ungewiss. So bleibt der unbefriedigende Eindruck einer weniger auserwählten als vielmehr sich für auserwählt haltenden Figur mit ausgeprägter Neigung zur Selbstempathie.

Schuld und Schicksal, Vererbung und Glaube: Es sind nicht die unbedeutendsten Facetten des Lebens, von denen hier die Rede ist. Doch es scheint, als hätte dieser Roman über so viel Bedeutung das Leben selbst vergessen.

Heike Kühn: „Schlangentöchter“, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt: Frankfurt/M. 2014; 382 Seiten; 24,90 Euro.

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