Die Bremer Philharmoniker spielen unter Markus Poschner Werke von Joseph Haydn

Das Feuer vom Himmel geholt

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Nuria Rial

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeMit dem Projekt „Haydn pur“ stellten sich Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker der wahrscheinlich schwersten Aufgabe mindestens dieser Saison.

Schwer ist allein schon die Auswahl von vier Sinfonien, denn weit über 100 hat der große Komponist geschrieben und jede ist vollkommen anders. Anders in ihrer Komik, anders in ihren Formen, anders in ihrer Instrumentation, man kann sogar sagen, anders darin, was überhaupt eine Sinfonie sei. Der große Experimentator Haydn kennt keine Gesetze oder Grenzen, beziehungsweise spielt damit auf immer wieder unfassbar eigene Weise, der Carl Friedrich Zelter bescheinigte: „Sie haben das Feuer vom Himmel geholt“.

So ist die Sinfonie Nr. 60 eher eine Schauspielmusik über einen zerstreuten Menschen mit unendlich vielen Stimmungswechseln und dem komischen Effekt im letzten Satz, dass die Geigen auf einmal ihre Instrumente nachstimmen. So zeigt der Schlusssatz der berühmten „Oxford-Sinfonie“ Nr. 92 Haydn als großen Meister der Kontrapunktik. So zeigt die Sinfonie Nr. 68 im Adagio geradezu verwirrende Akkektmischungen mit einem überraschenden Fortissimoschlag auf der „falschen“ Zählzeit und leistet sich am Schluss den witzigen Effekt einiger Echos in den Blasinstrumenten, ehe die abschließende Kadenz losdonnert. So bietet die Sinfonie Nr. 94 den berühmten Paukenschlag, der vielleicht eingeschlafene Zuhörer wecken sollte und dies sicher auch getan hat. Nicht allerdings in diesem Konzert, das in seiner experimentellen Quirligkeit nicht die mindeste Chance zum Einschlafen bot.

So jedenfalls wurde es vom Orchester gespielt, das in jedem Augenblick mit messerscharfer Aufmerksam- und Sprunghaftigkeit – ohne die geht es auch gar nicht bei Haydn – reagierte und immer wieder wunderbar in unterschiedliche Welten eintauchte: Poschner betonte so den rationalen, verspielten, experimentellen Geist und blieb aber auch den immer wieder wuchtig auftretenden großen, schon fast romantischen Gestus nichts schuldig. Das war spannend und wies die Musik als die Grundlage der gesamten klassischen und romantischen Musik aus. Richard Strauss und Nicolai Rimsky-Korssakow nannten ihn der „Vater der Instrumentation“.

Star des Abends war die jungen katalanische Sopranstin Nuria Rial, aber man kann die sympathische Sängerin eigentlich eher als Antistar bezeichnen. So unprätentiös, so selbstverständlich, so einfach, so unaffektiert hat man lange keine Sängerin mehr gesehen. Dabei kann sie mit ihrer Stimme alles machen und „rettet“ so einiges des erfolglosen Opernkomponisten Haydn. Fast 20 Opern hat der komponiert, aber zugeben müssen, dass er gegen Mozart keine Chance hat. Und so sind die Arien, die Rial sang, kleine wunderschöne Perlen aus der opera seria und der buffa, endlos hätte man weiterhören mögen. Eine schöne Idee auch, Arien von einem José de Nebra hereinzunehmen, deren seria-Affekte Rial unnachahmlich erreichte. Zugaben wurden in beiden Konzerten verlangt und die Ovationen waren mehr als angemessen. Bitte nächstes Jahr noch einmal Haydn, vier Sinfonien und einige Arien sind angesichts seiner noch immer häufig verkannten Größe ja viel zu wenig.

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