Bei der Deutschen Kammerphilharmonie schaut das Neue ganz schön alt aus

Festliche Lektüre auf Italienisch

Forsches Dirigat: Joshua Weilerstein. - Foto: Jakob Boserup

Bremen - Nicht vielen Stücken, die in den vergangenen Jahren ur-, oder wie hier, deutsch-erstaufgeführt wurden, dürfte das Neue, Gegenwärtige derart abgehen wie dem Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester von André Previn. Dieser hat seine Meriten als Dirigent und Jazz-Pianist. Mag sein, dass er auch tolle Stücke komponiert. Dieses gehört nicht dazu. Das Cello beginnt in mitteltiefer Lage, die Geige antwortet, ein Dialog entsteht, unterbrochen von einer hübschen Bläserfigur, die einer schwelgerischen Streicherszene Platz macht. Doch dann zieht sich das Doppelkonzert zu oft auf Varianten des dialogischen Eingangs zurück, lässt zu häufig solistische Figuren nachhallen im Orchesterkorpus. Reizt das Spiel mit Anleihen romantischer, neoklassizistischer oder freudlos verjazzter Kurzepisoden zahnlos aus. Ohne die Schroffheit der Polystilistik eines Alfred Schnittke zu erreichen, den präzisen Urbanismus Gershwins oder die hinreißenden kompositorischen Selbstentgegensetzungen eines Charles Ives auch nur zu streifen. Von un- oder auch nur selten gehörter Klangfarbgebung ganz zu schweigen. Zusammen mit einem guten Halbdutzend anderer Klangkörper hatte die Deutsche Kammerphilharmonie Previns Konzert beauftragt, das 2014 in Cincinnati erstmals gegeben wurde.

Am Samstag folgte – Shareholder Value sozusagen – die Erstaufführung im deutschsprachigen Raum. In den besseren Momenten – in gegenläufigen Schlagwerk-Annoncen oder wenn der scheinbare Musicalschmelz doch mal birst – kommt dieses Doppelkonzert daher wie Funktionsmusik (muss gar nichts Schlechtes sein!), der die Funktion (das wäre der Film dazu) abhanden gekommen ist. Nicht zuletzt wegen der Doppelung des Soloparts wäre dieser Film wohl ein Melodram, vermutlich eine Ehegeschichte. Während Previn also ins Kino geht – so die dramaturgische Lesart des Abends – suchten auch die beiden anderen programmierten Komponisten exponierte Orte auf. Der Ungar György Ligeti sammelte Eindrücke in der rumänischen Provinz; Felix Mendelssohn-Bartholdy erhoffte von seiner italienischen Reise um 1830 Impulse für seine 4. Symphonie. Letztere dirigierte Joshua Weilerstein so forsch, dass die Kammerphilharmonie im abschließenden vierten Satz („presto“) – bei aller immer schon unterstellten technischen Akkuratesse – geradezu aus der Kurve galoppieren wollte. Auch wenn dieser Zugang gelegentlich nur auf Kosten der Durchsichtigkeit zu haben war, erwies sich Weilersteins Version von Bartholdys „Italienischer“ mit subtil verschleppten Akzenten, großer dynamischer Bandbreite und schön hervorgewölbten Streicherfiguren als festliche Lektüre etablierter Orchesterliteratur.

Erstaunlicher: das kurzweilige „Concert Românesc“ Ligetis von 1951. Ein überraschend leises Frühwerk des wichtigen Vertreters der Moderne der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Verstanden durchaus als Verbeugung vor der schrägen Tradition rumänischer Fest-Kapellen (die freilich, aus eigener Perspektive, Musik machten und nicht Folklore), versucht Ligeti, deren Gesten, Rhythmik, Farbigkeit zu „ver-konzerten“. In seiner klugen Tanz-Beschau ist dies „Concert“ näher an Bartók als an Ligetis späterer Auseinandersetzung etwa mit zentralafrikanischer Polyrhythmik. Mit gezielt verzögerten Auflösungen, mit sirrend-leisen Proto-Clustern und einer bis zum überraschend kammermusikalischen Schluss mehr als nur kursorischen Beleuchtung eines seiner späteren Zentralinstrumente, des Horns, war das „rumänische Konzert“ der heimliche Star des Abends.

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