Festival der Bremer „Reihe Elektronische Musik“ pflegt das Unvorhersehbare

Auf den Punkt

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Wege aus der Diskretion der Maschinen: Charlemagne Palestine improvisiert mit einer illustren Runde Bremer Musiker.

Bremen - Von Tim Schomacker. Entweder, man sieht ganz genau was passiert. Oder man kann überhaupt nicht sehen, wie und warum etwas passiert. Ja nicht einmal richtig, wo. Wenn man diese kleinteilige, umtriebige und äußerst internationale Szenerie auf den Punkt bringen will, die – mangels eines größeren kleinsten gemeinsamen Nenners – elektronische Musik heißt, ist es vielleicht dies: Das von (mindestens) Klassik bis Rock gewohnte Szenario, Menschen, die ein sichtbares Instrument mehr oder weniger virtuos beherrschen, beim Agieren zuzuschauen; dieses Szenario wird hier immer wieder ausgehebelt.

Die inzwischen zum Festival-Format geronnene „Reihe Elektronischer Musik“ in Bremen versucht nun in dieser Woche zum zweiten Mal aus der kaum übersehbaren Anzahl von Akteuren, einen Punkt zu finden, zu isolieren und zu präsentieren.

Die gewohnte Klarheit wird gleichsam bedrängt von zwei Polen: Hier der superdiskrete Kasten, der mal als Laptop, mal als Kabelsteckwust daherkommt. Dort die ausgebreitete Vielzahl von Gegenständen, die oftmals nicht dem Feld der „Musik“ entstammen. Und die dann bespielt, verstärkt, erkundet, kurz: zu Instrumenten gemacht werden.

Das öffnet vieles. Nicht zuletzt die Konzertsituation selbst, in der die Zuhörenden – selbst wenn sie „ganz klassisch“ sitzen und zuhören – nicht selten eine aktive Rolle einnehmen. Hörend Schneisen schlagen in das klangliche Geschehen. Gehend Hör-Positionen bestimmen müssen für das je eigene Konzert. Aktiv die Trennlinie zwischen Performer und Zuhörer überschreitend – wie etwa bei einem Workshop der anglopolnischen Krachelektronikerin Ewa Justka und der professionellen Hardware-Manipulatorin Lorah Pierre am Auftaktdonnerstag in der Spedition. Interessierte können dort kleine Synthesizermodule zusammenbauen – und sie am ersten Konzertabend live mit den Künstlerinnen präsentieren. Wodurch sie selbst zu solchen, nämlich Künstlern werden.

Der nicht-aktive Teil des viertägigen Festivalprogramms verbindet dann Vertreter einer älteren, ästhetisch an den erweiterten Nachkriegsavantgarden geschulten Musikergeneration wie den französischen Soundtheoretiker und Komponisten Michel Chion oder den ultraeigenständigen amerikanischen Pianisten und Performer Charlemagne Palestine. Chion wird dabei eigene Elektrostücke über das aus rund zweihundert handelsüblichen Lautsprechern zusammengebaute „Bremer Lautsprecher Orchester“ spielen, während Palestine mit einer illustren Runde aus Bremer Musikern verschiedener Szenen improvisiert.

Das nach akusmatischen Prinzipien komponierte Lautsprecherorchester ist einer der wichtigen Austragungsorte des Festivals. Elektronikstücke etwa der amerikanischen Elektropionierin Daphne Oram oder des vor kurzem verstorbenen polnischen Krachelektronikers Zbigniew Karkowski werden dort durch das Aussteuern interpretiert. Der Klangregisseur nimmt gewissermaßen die Rolle des Orchesterdirigenten ein. Die Tonträgervorlage bietet Partitur und Klang zugleich. Das in Zusammenarbeit mit Berufsschülern aus Rotenburg entstanden RoLo, ein aus vier um eine Freifläche gruppierten Lautsprechertürmen bestehendes Trumm, wird am Einkaufssonnabendnachmittag einen Teil der Bremer Innenstadt beschallen. Unter anderem bei einem Stück des Komponisten und Festival-Mitgestalters Christoph Ogiermann, das die leibhaftigen Bläsergruppen des Ensembles „Lauter Blech“ und deren vorab eingespielte Doubles auf verschiedene Wege schickt.

Die andere, weniger orchestrale Dimension des Festivals bestimmen Figuren wie der Schweizer Kleinkrachgerätebauer und -spieler Kiko C. Esseiva oder das an sich den genreübergreifenden Heroen der Briten von Throbbing Gristle aus den frühen 1980ern abarbeitende Impro-Performance-Stück des norddeutschen Eigenbrötler-Duos Kommissar Hjuler und Frau, das gemeinsam mit dem Hamburger Instrumentalexperimentators Peter Kastner auf der Bühne steht.

Eine angenehme Unvorhersehbarkeit wohnt dem diesjährigen Festival-Programm inne. Mit Filmen und eher Richtung Musiktheater tendierenden Konzertsituationen neigt es sich deutlich Richtung Performance. Das Spiel mit Masken, Gesten, Körper ist ja schließlich auch ein Ausweg aus der Diskretion so mancher Maschine, die – selbstmanipuliert oder mit Werkseinstellungen eingesetzt – zur Klangerzeugung benutzt wird.

Das REM-Festival ist von morgen bis zum 28. Juni in der Spedition am Güterbahnhof und anderen Orten zu sehen. Mehr Informationen unter: http://rapidearmovement.jimdo.com

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