Festival der Bremer „projektgruppe neue musik“

Krachende Cluster

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Am und unterm Instrument: Mark Knoop beim 18. Festival der Bremer „projektgruppe neue musik“.

Bremen - Von Andreas Schnell. „Der Varèse ist ein richtiger Ohrwurm“, sagt eine Konzertbesucherin zu einer Bekannten in der Pause. „Der Varése“, das ist ein rund achtminütiges Stück elektronischer Musik – und nicht unbedingt das, was die meisten Leute so vor sich hinsummen.

Aber das „Poème électronique“, komponiert für den Philips-Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, am Samstag in Bremen im ersten Teil des zweiten Konzerts des Festivals der „projektgruppe neue musik“ im Konzertsaal der Hochschule für Künste von Band zu hören, klingt tatsächlich nicht nur ungemein frisch, sondern auch griffig, mitreißend in seiner Kombination von gesampelten Geräuschen und elektronischen Glissandi. Dazu sind Bilder zu sehen, archaische Artefakte, Masken aus der Frühgeschichte der Menschheit, Skelette, später Massengräber und der Explosionspilz der Atombombe. Die elektronische Musik steckte noch in den Kinderschuhen, der Weltkrieg steckte dem Kulturbetrieb noch in den Knochen, die Aufgabe der Künste war als emanzipatorisches Projekt klar definiert.

Dass sich Komponisten der Neuen Musik heute aus einem kaum überschaubaren Fundus bedienen können, im Zuge dessen verstärkt mit Versatzstücken des Vorhandenen arbeiten, sie bearbeiten und neu kombinieren, steht im Fokus des diesjährigen Festivals der „projektgruppe neue musik“, das unter dem Titel „escape ungefähr gleich enter“ steht. In den meisten der Konzerte wurden Klassiker der Neuen Musik mit neuen Werken konfrontiert.

Nach Varèses „Poeme electronique“, dem wiederum Yannis Xenakis‘ „Concret PH“ vorausging, das ebenfalls für den Brüsseler Pavillon komponiert worden war, dirigierte Jagoda Szmytka das Ensemble „MAM. Manufaktur für aktuelle Musik“ durch ihre Komposition „inane prattle“, was in etwa so viel heißt wie „dummes Geschwätz“. Das Stück für Trompete und verstärktes Ensemble gibt sich dabei gar nicht geschwätzig, sondern scheint im Gegenteil streng organisiert, über einen schweren Puls, wobei die Klangsprache gelegentlich an Spielweisen des Freien Jazz erinnert. Dazu gesellt sich für eine Weile eine Stimme, leicht verzerrt, wie aus einem Telefonhörer oder einem alten Radio kommend. So leise allerdings, dass, und wäre es dummes Geschwätz, die Musik sich davon nicht beirren ließe.

Der Höhepunkt des Konzerts war dann „Faust, or the Decline of Western Music“ für einen Solo-Pianisten, Video und „diverse Materialien“ von Trond Reinholdtsen, das in der Galerie der Hochschule aufgeführt wurde. Das Werk eröffnet mit der Aufzeichnung einer Lecture Performance, in der es zunächst ganz seriös zuzugehen schien, die aber in ihrem Verlauf immer bizarrere Formen annimmt und schließlich in einem Wortsalat kulminiert, bis Klaviermusik einsetzt. Allerdings nicht von dem am Flügel sitzenden Mark Knoop gespielt, sondern aus der Konserve. Worauf Knoop den Deckel des Flügels herunterklappt – ohne einen Ton gespielt zu haben – und unter das Instrument kriecht, wo er an Schrauben und Pedalen hantiert.

Später wird er im Dialog mit vorproduzierten Sequenzen krachende Cluster und dramatisch flirrende Tonkaskaden spielen, während an der Bühnenrückwand zu sehen ist, was Regieanweisungen zu sein scheinen, unergründliche Buchstabenfolgen, eine Auflistung des Faust-Personals, erläuternde Anmerkungen zu verschiedenen Ebenen einer abstrakten Handlung, die im Kontext des Werktitels gelesen als Erörterung des Stands der zeitgenössischen Musik in sieben Teilen zu lesen ist.

Dabei kommen im Verlauf des Stücks unter anderem ferngesteuerte Autos, ein Porträt von Karl Marx, Würstchen vom Grill sowie Kunstnebel und Seifenblasen vor. Ein höchst kurzweiliger Beitrag zur Debatte über das Wohin in der Neuen Musik.

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